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Rezensionen



Julian Cope:   Revolutionary Suicide

Rezensiert von: Frank

In seinem Juni-Drudion (übrigens der Inspiration zum früheren Monatlichen Musikbrief) war Julian Copes "Revolutionary dining-set" zu bestaunen: Ein Tisch mit der Aufschrift "Destroy AmeriKKKan Kapitalism", einer sawastikas ′n stripes - Flagge sowie vier Stühlen, jeweils wichtigen Revolutionären gewidmet (siehe Headheritage). In Zeiten unfassbarer und proto-totalitärer Grundrechtsverletzungen durch die US-amerikanische Regierung, die sich im präventiven Krieg gegen alles und jeden wähnt, eine besonders treffende Symbolik.

Praktisch auf diesem Frühstückstisch präsentierte Cope sein neues Album, das auf den schönen Namen Revolutionary Suicide hört. Schon seit Jahren hat sich der frühere Post-Punk Pionier ziemlich weit vom dem entfernt, was man einen herkömmlichen Bandsound nennen könnte - ein wenig schade angesichts seiner kompositorischen Fähigkeiten. Will heißen dass der Minimalismus von Copes Instrumentierung nicht immer dem harmonischen Niveau seiner Songs gerecht wird. Ein Beispiel: They Were All On Hard Drugs beginnt mit rauschigem Getippe auf einem analogen Synthesizer. Hält man dieses eine Weile aus, erfolgt die Belohnung in Form einer wunderschönen Gesangsmelodie (die eingangs übrigens an "Sounds of Silence" von Simon & Garfunkel erinnert). Schön instrumentiert ergäbe das ein Lied mit nicht zu unterschätzendem Ohrwurm- und Kommerzpotential. Doch der billige Synthesizer und Plastik-Drumcomputer bleiben die einzige Begleitung. Maximale Reduktion als revolutionäre Methode.

Wenn auch das Album in weiten Teilen Copes Black-Sheep-Marching-Band-Konzept folgt, überrascht Paradise Mislayed mit betörendem Harmoniegesang und sogar etwas, das nach einem rockigen Drumset klingt. Weshalb dieses doch recht nützliche Instrument weitgehend durch Marschtrommeln ersetzt wurde, bleibt unklar. Meine Interpretation: Nach Copes Ansicht können auch Popsongs revolutionäres Gedankengut transportieren. Aber die Revolution ist Angelegenheit des Volkes, und dieses steht eher selten auf beleuchteten Bühnen vor einem wohlfeilen Equipment und musiziert. Das wäre viel zu elitär. Da ist es weitaus basisdemokratischer und -revolutionärer, den musikalisch-intellektuellen Impetus zum Umsturz mit einfachen Instrumenten zu begleiten.

Wie dem auch sei, Revolutionary Suicide ist ein ausgesprochen starkes und intensives Album. Während der Vorgänger Psychodelic Revolution ein wenig lustlos daherkam, präsentiert sich Julian Cope wieder auf der vollen Höhe seiner Schaffenskraft. The Armenian Genocide vereint in ziemlich erstaunlicher Manier eine verblüffend einfache Instrumentierung (Akustische Klampfe, Marschtrommeln) und Melodik (Harmoniegesang) mit überraschend hoher emotionaler Intensität. Auch hier zeigt sich das Können in der Reduktion.

Der Titelsong Revolutionary Suicide begeistert mit einem mitreißenden Riff und Copes eigenwilligem Gesang. Als einer der besten Rock-Sänger der mittleren Vergangenheit hat er keine Effekthascherei nötig. Seine Stimme liegt staubtrocken über der Musik, was den Eindruck von Unmittelbarkeit verstärkt. In His Cups gehört ebenfalls der Gruppe der melodisch gefälligen Cope-Songs, wobei zum (mutmaßlichen) Schlagzeug das Mellotron die musikalische Hauptlast trägt.

In Phoney People, Phoney Lives geht Cope noch einen Schritt weiter und verfremdet eine durchaus eingängige Gesangslinie durch eine kaum mehr adäquate Instrumentierung und störendes Synthesizergezirpe. Klingt seltsam - aber gerade deshalb interessant und überweltlich. Abschluss des Albums ist das verstörendeDestroy Religion, das aus fast ausschließlich einer einzigen Harmonie besteht. Sie wird auf einer akustischen Gitarre gezupft, dazu werden leichte Bongos getrommelt, ein Xylophon geschlagen und eben gesungen. Ach ja, und der billige analoge Synthesizer darf auch hier nicht fehlen. Trauen kann man sich so etwas nur, wenn man seine Alben im eigenen Label und Vertrieb vertreibt. Doch nur so bleibt garantiert, dass die Idee des Künstlers unverfälscht den Hörer erreicht - fernab von kommerziellen Interessen und ähnlichem Schnickschnack. Und das ist Julian Cope auf Revolutionary Suicide mehr als gelungen. Ein unbedingt empfehlenswertes Album, weit abseits des musikalischen Mainstreams.



Repertoire: 2, Interpretation: 1



Robby Maria:   Metropolis

Rezensiert von: Frank

Er hat ein bewegtes Leben hinter sich: Robert Maria Scheer-Muñoz, Süddeutscher mit argentinischer Mutter, reiste sieben Jahre lang durch die Welt. Einige davon verbrachter er zwar nicht in Tibet, dafür aber zusammen mit einem Eingeborenenstamm am Amazonas. Der Schamane des Stammes erkannte Roberts Berufung zum Musiker und schickte ihn, gewissermaßen als Therapie, zurück in die moderne Zivilisation. Diese beglückt er seitdem unter dem Künstlernamen Robby Maria mit seiner Musik.

Eine Geschichte, die sich unterschiedlich deuten lässt. Meinte es der weise Schamane nun gut mit Robby und den Menschen in der sogenannten Zivilisation? Oder schickte er ihn einfach nur deswegen fort, weil ihm und seinen Stammesgenossen Robbys Gesang nach zwei Jahren gehörig auf die Nerven ging? - "Komm Kerl, nimm deine Klampfe und singe da, wo du hergekommen bist..."

Sein zweites Album Metropolis kann uns dabei helfen, die richtige Interpretation zu finden. Was zunächst einmal auffällt, ist Robbys Gesang. Seine Stimme erinnert streckenweise an die des jungen David Bowie. Allerdings erreicht sie nicht dessen glamouröse Verspieltheit, sondern besitzt eine eher herbe bis leicht pathetische Färbung. Schlecht ist das nicht, im Gegenteil. Problematisch wird das nur, sobald man wegen der stimmlichen Ähnlichkeit damit beginnt, nach kompositorischen Parallelen zu suchen.

Und da schneidet Robby Maria doch ein wenig schlechter ab, als David Bowie. Zugegeben, ihn mit dem britischen Weltstar zu vergleichen, bloß weil seine Stimme so ähnlich klingt, ist ungerecht. Denn weder macht Robby Maria Glamrock noch innovativen Post-Punk-Pop. Er ist ein bodenständiger Singer-Songwriter, der sein Handwerk solide beherrscht. Will heißen, er hat uns etwas zu sagen und schafft es auch, das in einer unverkennbar individuellen musikalischen Sprache glaubhaft rüberzubringen.

Dass diese musikalische Sprache in eher simplen Melodien und Strukturen daherkommt, soll zunächst auch kein Manko sein, wäre da nicht die sehr minimalistische Instrumentierung. Denn diese verträgt sich nicht unbedingt mit den oft eher simplen Songs. Immerhin, Robby Maria spielt außer Schlagzeug alle Instrumente selbst. Doch Leidenschaft, Energie und Emotion wollen irgendwie nur in seinem Gesang überzeugen. Alles andere plätschert oft verhalten bis dröge dahin. Was schade ist, da einige der Songs durchaus Ohrwurmpotenzial haben (insbesondere Troublemaker).

Und so ertappt sich der Hörer zuweilen dabei, ungeduldig darauf zu warten, dass endlich mal "etwas passiert": Dass ein hartes Gitarrenbrett Würze ins Geschehen bringt, das Schlagzeug mal zupackend groovt, anstelle nur filigran zu akzentuieren, oder auch nur ein knackiger Bass den Songs mehr Volumen und Wucht verleiht.

Der Schamane meinte es also tendenziell gut mit Robby und uns, um auf unsere Eingangsfrage zurückzukommen. Etwas anders seine Produzenten, die ihm außer einer Schlagzeugerin nur noch E-Bass und E-Piano zum Selberspielen gönnten. Wenn Robby das nächste Mal eine Auszeit im Dschungel nimmt, möge ihm der Schamane raten, beim Musizieren auch den Donnergott zu konsultieren. Schließlich soll das Ergebnis seiner Berufung einschlagen - und nicht bloß leise verhallen.



Repertoire: 3, Interpretation: 3-

Info: www.robbymaria.com



Neil Young:   Psychodelic Pill

Rezensiert von: Frank

Es ist schon komisch: Da gelingen einem Künstler sagenumwobene Geniestreiche. Songs, die einen auf Anhieb in den siebten Musikhimmel katapultieren können und mit dem weltbesten Gitarrensound eingespielt worden sind, den sich Menschen überhaupt vorstellen können. Doch davor und danach produziert der selbe Künstler eine solche Menge an Fragwürdigkeiten, dass man kaum glauben kann, dass ausgerechnet er für diese Preziosen verantwortlich gewesen sein soll.

Neil Young hat insbesondere mit seiner temporären Begleitband Crazy Horse Enormes geleistet. Er war Mitbegründer des Grunge, ein absoluter Meister des ungeschliffenen Garagensounds. Sein grotesk übersteuerter Gitarrensound ist unerreicht, seine kaum enden wollenden Soli zählen zu den intensivsten Äußerungen, die sich auf einer Gitarre artikulieren lassen - emotional, meditativ und hypnotisierend.

Dabei war diese Musik stets recht einfach gestrickt. Ein paar banale Akkorde über einem simplen Rhythmus - alles gespielt von einer stoischen Begleitband, die dem Maestro allen Raum für seine ausufernden Gitarrenorgien lässt. Nichts, was all die nimmermüden Gitarrenschüler mit ihrem technoid-öden Arpeggiengewichse interessieren könnte. Musik mit Seele eben, und nicht mit Skalen aus dem Fischer-Technik Baukasten.

Doch leider, wie gesagt, hat Young auch sehr oft und sehr tief ins Klo gegriffen - in der Komposition wie im Arrangement. Fast schon hätte man den Mann abschreiben und seine zahlreichen Fehlgriffe einer fortgeschrittenen Alterschwäche zuschreiben können. Bei einigen seiner peinlichsten Songs konnte man Young förmlich vor sich sehen, wie er mit vollgeschissenen Hosen in einer Ecke des Aufnahmeraumes in seiner Ranch kauert, sabbernd auf die Gitarre eindrischt und paranoiden Dünnsinn röchelt. Doch dann kam ein kleiner Lichtblick: Young nahm nach vielen, vielen Jahren mal wieder ein Album zusammen mit Crazy Horse auf. Doch der entpuppte sich auch schnell als Reinfall. Americana nannte sich dieser fade Aufguss amerikanischer Traditionals, die kein Mensch wirklich braucht. Auch nicht als rüde Schrammelversionen einer gealterten Garagenrock-Band.

Möglich, dass dem Ex-Meister in einem lichten Moment dann selbst gedämmert ist, was er da verzapft hat. Schnell ballerte er ein weiteres Album hinterher. Und das saß. Es hört auf den Namen Psychodelic Pill und präsentiert Young plus Crazy Horse in fast altbekannter Größe. "Fast" deshalb, weil die Songs manchmal doch einen Tacken zu einfach geraten sind. So bringt es Young auf Driftin′ Back fertig, fast eine halbe Stunde lang über zwei Akkorden zu solieren. Trotzdem: Der Mann hat Mut! Wer traut sich so etwas heutzutage schon, weil er mit einem Publikum rechnen muss, dass schon nach der zweiten Solo-Minute anfängt, sich gelangweilt an den Eiern rumzuspielen.

Ebenso mutig fällt der Titelsong aus. Young benutzt hier einen derart nervtötenden Gitarrensound, den selbst der Autor sich nicht einzustellen trauen würde. Ramada Inn ist ganz nett, aber für seine 16 Minuten Länge etwas unspektakulär. Born In Ontario dagegen begeistert als mitreißende Gute-Laune-Nummer, bevor mit Twisted Road, She′s Always Dancing und For The Love Of Man der Tiefpunkt des Albums erreicht wird. Zur Entschädigung begeistert Walk Like A Giant dann wieder mit endlosen Gitarrensoli in teils grotesker Verzerrung.

Wenn auch nicht jedes Stück wirklich gelungen ist, so hat Young mit Psychodelic Pill endlich mal wieder ein hörenswertes Album abgeliefert, das mühelos an seine früheren Glanztaten um die legendäre Weld anschließen kann. Bleibt zu hoffen, dass es sich dabei um keinen einmaligen Ausflug in die Welt des Erwachens gehandelt hat.



Repertoire: 2, Interpretation: 2

Niki & The Dove:   Instinct

Rezensiert von: Frank

Elektropop? Das ist ja eigentlich igittipfui, da lässt man am besten seine Finger weg. Doch ab und an will der Gitarrenhörer auch mal was anderes in Ohren kriegen, als das ewige Geschrabbel, Gegniedel und Gezupfe. Dann sehnt er sich nach den kühlen und klaren Sounds aus der Tastenmaschine, die dann zuweilen doch garnicht so steril und leblos daherkommen müssen, wie man das von der elenden Radiogrütze her kennt, mit der die Musikindustrie das Volk mürbe zu machen versucht.

Elektropop? Das klingt doch auch nach populärer Musik, nach Massenkompatibilität und artifizieller Gefälligkeit; nach opportunistischer Arschkriecherei und kapitalistischer Abzocke, nach Antikunst, Muzak, Fahrstuhlmusik. Da muss man doch unwillkürlich an die Pet Shop Boys (Buääh, widerlich...) oder Yellow (hualp...) denken

Und trotzdem: Elektropop? Ja gerne! Aber bitte nur mit einer gewissen Prise Alternative, damit der gitarrenlose Hörspaß nicht durch Kommerzplattitüden entwertet wird und trotz gefälliger Melodien und schöner Refrains reuelos bleibt. Elektronische Quasi-Popmusik also, die man auch im Sommer bei offenem Fenster hören kann, ohne das Gesicht vor den Nachbarn zu verlieren.

Genau eine solche Musik fabriziert das Schwedische Duo Niki and the Dove. Warum sich die beiden Stockholmer so nennen, verbleibt im Nebulösen; die Sängerin jedenfalls hört auf den Namen Malin Dahlström und hat wohl auch nur selten eine Taube dabei. Singen kann sie dagegen ausgesprochen gut, wobei sie stimmlich irgendwo zwischen Dale Bozzio (Missing Persons) und Kate Bush anzusiedeln ist. Überhaupt Kate Bush: einige der Songs klingen so, wie die der Britin klingen könnten, wäre diese musikalisch nicht so langweilig, bieder und omahaft geworden.

Ganz oben auf der Liste: Mother Protect, das unterirdisch groovt und durch erschütternde Wendungen überrascht (tolle Live-Version gleich im Anschluss). Das getragene Winterheart dürfte selbst konservative Classic-Rock-Opas zum Mitwippen animieren. In Our Eyes schafft die Synthese von kitschigem Dance-Schlager samt triefigem Refrain und alternativem Indie-Feeling zu einer hochwertigen Pop-Preziose. The Drummer hätte Kate Bush′s letztes Schnarchalbum sicher aus dem Gröbsten rausgerissen, hätte sie den Song geschrieben und aufgenommen. Ja hätte... Ähnliches gilt für The Gentle Roar und The Fox. Alles Stücke, die im Grunde Wegmarken einer gelungenen künstlerischen Entwicklung von Kate Bush hätten sein könnten - hätte sie′s denn ersonnen. Hat se aber nicht, und so haben es eben Niki & The Dove gemacht. Und zwar auf ihre ganz individuelle Art und Weise. Und dafür gebührt den Schweden unser Dank! So macht Elektropop Spaß!



Repertoire: 2, Interpretation: 1



Julian Cope:   Psychodelic Revolution

Rezensiert von: Frank

Darin muss man dem Mann schon recht geben: Weichspülerei bringt nix, nur noch das Radikale hilft. Der AmeriKKKan Kapitalism zerstört unsere Lebensgrundlagen, überzieht die Welt mit Kriegen und gehört bekämpft. Klar, dass das nicht nur ein Kampf mit Worten sein kann - ganz im Sinne von Malcom X′ berühmtem Ausspruch "Sometimes you have to pick up the gun in order to put down the gun.".

Es hilft also nur Militanz - und dieser begegnet man auf Copes neustem Album beinahe an jeder Ecke - im Konzept, in den Lyriken und auf den Fotos in der Beilage, wo ständig jemand eine Kalaschnikow in die Luft hält.

Konzeptionell sind auf Psychodelic Revolution wichtige Revolutionäre das Thema, hier namentlich die palästinensische Flugzeugentführerin Leila Khaled und der kubanische Revolutionsführer Che Guevara. Sie stehen jeweils Pate für eine der beiden CDs, stellvertretend für weibliche und männliche Revolutionäre.

So weit, so gut, so zustimmungswürdig und nachvollziehbar. Doch bei allen politischen Ambitionen: die musikalische Verpackung der wohlfeilen Aussagen ist Cope diesmal weniger gut gelungen. Schuld daran ist allem voran die dürftige Instrumentierung, denn einen soliden und raumgreifenden Bandsound sucht man auf Psychodelic Revolution vergebens. Fast schon uninspiriert bemüht Cope ein weiters mal den gewöhnungsbedürftigen "Black Sheep Sound", der hauptsächlich aus akustischen Gitarren, Marching-Drums und Mellotron besteht. Bass und Schlagzeug mag der Archedrude wohl nicht mehr, dafür gibt′s mal ein billiges Glockenspiel oder einen noch billigeren Drumcomputer. Passend dazu kommt Copes Gesang zumeist in staubtrocken gepflegter Langeweile daher - was angesichts seiner stimmlichen Fähigkeiten mehr als schade ist.

Dabei sind die Songs als solche - von ein paar Rohrkrepierern mal abgesehen - kompositorisch garnicht mal von schlechten Eltern. "X-mass in the Woman"s Shelter" könnte ein radiotauglicher Cope-Killer-Popsong sein, "Raving On the Moor" wäre eine Offenbarung mit verzerrten E-Gitarren, ebenso "Cromwell in Ireland". Doch leider versanden die Songs im Sound blecherner Wandergitarren oder ohrverödender Bontempi-Rhythmusspuren.

Alles in allem also ein Album, das man sich einmal anhört und dann samt seiner wertvollen Botschaften im Schrank verstauben lässt. "I stopped playing to the crowd, started playing to the head" entnehmen wir der Textbeilage. Mag ja sein, dass Cope heute mental Lichtjahre weit entfernt ist von seinen kommerziellen Erfolgen in den 1980ern. Und prinzipiell ist das auch zu begrüßen, denn authentischer und politisch radikaler präsentiert sich kein Künstler in diesen Tagen. Doch was hilft es, seine Message in einer drögen und lauwarmen Soundsuppe zu präsentieren, die kaum jemandem schmeckt?

Mit anderen Worten: Politische Botschaften lassen sich auch mit dem kongenialen Brain-Donor-Sound transportieren. Viel besser sogar, weil der harte Experimental-Glamrock jede Menge Aufmerksamkeit schafft. Und die braucht es, sollen die Inhalte ihre Adressaten erreichen. Beim drögen Geklampfe in Black-Sheep-Manier pennt man mit der Zeit doch eher weg...



Repertoire: 2, Interpretation: 4


Kate Bush:   50 Words For Snow

Rezensiert von: Frank

Als besonders produktiv kann man Kate Bush wahrlich nicht bezeichnen. Bei ihr kann es durchaus mal vorkommen, dass man ganze zwölf Jahre lang auf ein Album warten muss. Um so erstaunlicher, dass sie es in diesem Jahr gleich zu zwei Platten gebracht hat. Oder besser anderthalb, denn auf Director′s Cut gab es nichts Neues zu hören, nur aufgehübschtes Altes. Aber immerhin schimmerte zwischen den Takten einiger Neu-Interpretationen die Andeutung eines stilistischen Wandels zum Positiven durch. Will heißen weg von den langweiligen ätherischen Klavierstücken und hin zu etwas mehr Druck, Power und Überraschung.

Doch Pustekuchen. 50 Words For Snow überrascht im Grunde mit nichts. Eher damit, wie konsequent man musikalische Langweile auf insgesamt 65 Minuten Spieldauer konservieren kann. Und trotzdem wurde das Album von der Fachpresse recht voreilig und voreingenommen über den grünen Klee gelobt. Das mag dem "Kate-Bush-Bonus" geschuldet sein, der selbst völlig ereignislosem Dahingeplätschere den hohen Status künstlerischer Eigenwilligkeit einer Ausnahmekomponistin zuerkennt.

Alles dummes Zeug, wenn man sich wie ich die Mühe macht, das Album mehrfach hintereinander anzuhören. Ich habe den 50 Schneewörtern ihre wohlverdiente Chance gegeben. Denn spätestens seit Aerial weiß ich, dass man Bushs Liedern eine gewisse Einwirkzeit zugestehen muss. Doch je öfter ich den Songs lauschte, desto deutlicher wurde, dass sie nicht viel taugen. Keine Magie machte sich breit, keine tiefere Substanz kam zum Vorschein, nicht einmal Neugierde zum genauen Hinhören wurde geweckt. Irgendwann vergaß ich sogar, dass überhaupt Musik über die Anlage lief. Die ideale Fahrstuhlmusik also. Bush-Muzak.

"Ereignislos" ist das Adjektiv, dass 50 Words For Snow wohl am besten beschreibt. Sonwflake startet mit einer einfachen Klaviersequenz und uninspiriertem Gesang. Wenn man nach ein paar Minuten Geklimpere endlich irgendeine Art von Änderung oder Steigerung ersehnt, zeigt einem Frau Bush einfach den langen Klavierfinger. Dabei hätte das Lied das Zeug für viel mehr. Oder wenigstens für einen leichten Beat im letzten Teil. Wozu hat sie schließlich Steve Gadd engagiert? Zum Kaffeekochen?

Da geht es auf Wild Man, der einzigen Singleauskopplung, schon fast hoch her. Da darf Gadd im Refrain ausnahmsweise auch mal die Snare-Drum benutzen. Toll Kate, it′s Partytime! Lake Tahoe verschreckt den Hörer erst mit grausamem Pseudo-Barockgesang und langweilt anschließend mit öder Klavier-Plätscherkost. In Misty ist es umgekehrt: Zuerst verheißt ein interessantes Klavierriff den Ansatz von Hörbefriedigung, bevor es jäh in der Ödnis ultralangweiliger Bridges verstirbt.

Nichtssagend bleibt leider auch Snowed at Wheeler Street, das selbst Elton Johns Gesangsbeitrag nicht aus der Belanglosigkeit retten kann. Eigentlich schade, denn es sind durchaus Ansätze für einen guten Song zu erkennen. Nur kommen sie in Bushs trägem und seniorilem Arrangement kaum zur Geltung. Der Titelsong 50 Words For Snow ist nichts weiter als die gesprochene Aufzählung von eben 50 Wörtern für Schnee zu einem kühl temperierten Beat. Und über das letzte Lied Among Angels bauchen wir uns garnicht erst zu unterhalten.

Alles in Allem also ein Griff ins Klo. Eigentlich hätte ich gerne meine 14 Euro für die CD zurück, Frau Bush!



Repertoire: 4, Interpretation: 4-


Kate Bush:   Director′s Cut

Rezensiert von: Frank

Van Morrison: Astral Weeks. Live at the Hollywood BowlAuch das dürfte vielen Musikern bekannt sein: Man nimmt ein Album auf, haut es auf den Markt und ist unzufrieden, könnte in die Ecke kotzen. Der Klang ist dynamiklos, die Produktion zu flach, die Arrangements zu dröge oder die Interpretation amateurhaft dürftig. Sicher, Musikalben sind Stimmungsbilder. Momentaufnahmen, die einen ganz speziellen Status der persönlichen und technischen Entwicklung aufzeigen und auch von der ein oder anderen Modeerscheinung geprägt sind. Um so schlimmer, wenn man Jahre später feststellt, dass die Songs in den vorliegenden Versionen einfach nicht richtig hinhauen. Dass viel mehr in ihnen schlummert und einen der Teufel geritten haben musste, sie so unters Volk zu streuen: mies und unzulänglich.

Die meisten Musiker ignorieren solche Regungen einfach und lassen ihre alten Platten links liegen. Was sollten sie auch tun? Den ganzen Kram noch einmal neu aufnehmen? Auch wenn er dann besser klingt? Warum eigentlich nicht?! Kate Bush jedenfalls hat mit Dirctor′s Cut genau das getan: alte Songs mit neuer Interpretation aufgenommen. Genauer, einige Songs aus den Alben The Sensual World und The Red Shoes. Dieses Vorgehen ist vor allem dann sehr ratsam, wenn man ohnehin nur alle Jubeljahre mal eine neue Platte macht und etwaige Unzulänglichkeiten um so präsenter aus dem dünnen Repertoire hinaus ragen.

Doch hat sich das Remake gelohnt? Hat uns Frau Bush nun doch keine alte Socken in neuen Sandalen auf den Tisch gelegt? Hat sie nicht, was nach dem erstaunlich gelungenen Aerial sicher auch peinlich gewesen wäre. Einigen Songs ist das interpretative Facelifting erstaunlich gut bekommen, andere wiederum haben nicht allzu viel davon profitiert. Und das sind in der Regel die Stücke, bei denen Kate Bush zu spärlicher Instrumentierung ätherische Gesangslinien säuselt (Moments of Pleasure, This Womans Work, Song of Solomon) oder solche, bei denen wegen langweiliger Grundkompositorik ohnehin nichts zu verbessern gewesen ist(Flower of the Mountain, Top of the City).

Alle anderen sind aber wahre Überflieger. Das rüde polternde Lilly ist mit knapp vier Minuten Länge einfach viel zu kurz für den Spaß, den es macht. Deeper Understanding und Never be Mine wirken in sich geschlossen und flüssig, fast schon esoterisch transzendierend. In The Red Shoes sieht man eine hexenhafte Kate mit wehenden Haaren um ein nächtliches Feuer tanzen und mit Vehemenz ihre Stimme zu den anderthalb Akkorden erheben, die aus dem Off erklingen.

Und mit Rubberband Girl schießt sie endgültig den Vogel ab, wenn sie zur schrammeligen Stones-Gitarre nuschelig und abgedreht ins Mikro palavert. Irgendwie will hier nichts passen, die Vocals schaffen es nicht, sich mit der Band zu vereinen und bleiben in ihrem bleiernen Ausdruck sonderbar abgetrennt vom geschehen - überhaupt nicht so, wie man es von Kate Bush kennt.

Davon wollen wir mehr! Mehr nuscheligen Gesang zu bratzigen Gitarren und polternden Drums! Da geht noch was, Frau Bush, ganz sicher! Wir warten...



Repertoire: 2, Interpretation: 1 - 3


Julian Cope:   The Jehovahcoat Demos

Rezensiert von: Frank

Van Morrison: Astral Weeks. Live at the Hollywood BowlAls Künstler kennt man es nur zu gut: Manchmal hat man einfach keine Zeit, Lust oder Inspiration für neue Songs. Auch Julian Cope scheint es da nicht anders zu gehen, denn viel Neues war von ihm in den letzten Monaten nicht zu hören - leider. Wohl um seine Fans nicht allzu lange auf dem Trockenen zappeln lassen, veröffentlichte er mit "The Jehovahcoat Demos" ein Album aus altem und bislang unveröffentlichtem Material aus der Zeit um 1993.

Besser als nix, könnte man sagen. Doch die 15 Stücke sind alles andere, als leichte Kost. Sie zeigen Cope als Zeremonienmeister einer zuweilen meditativen Experimentalmusik, die weitgehend ohne Gesang auskommt und auch kaum herkömmliche Songstrukturen erkennen lässt. Ein Cope-Album ohne Gesang ist durchaus gewagt. So überwiegt auf den Jehovahcoat Demos eine sphärische Stimmung, die weitaus mehr den inneren Befindlichkeit ihres Schöpfers folgt, als den Erwartungen der Hörerschaft.

Und so will das Album beim ersten Hören irgendwie nicht so richtig in die Gänge kommen und verliert sich über weitere Strecken in mystischen Wiederholungen und psychodelischen Klangbildern, die zumindest dann leicht uninspiriert wirken, solange sich die richtige meditative Haltung nicht einstellen will. Ab und an luken allerdings durchaus gute Songansätze hervor (Headshopping; Baby, My Mind Stood Up, Time and Space), die sich aber schnell als Fragmente entpuppen. Dann lassen die Johovahcoat Demos einen leicht ratlosen Hörer zurück, dem zwar ein weiterer Einblick in den weiten musikalischen Kosmos des kongenialen Julian Cope zuteil wurde, der aber trotzdem nicht genau weiß, was er schlussendlich davon halten soll. Die 12 Englischen Pfund lohnen sich auf jeden Fall nur für die hartgesottenen Nerds unter den Copeisten (also für Leute wie den Rezensenten...).

Das Beste dürfte wohl sein, auf eine passende Stimmung zu warten, um in einem inneren meditativen Flow den Tönen der Stücke folgen zu können. Auch erschließt sich die musikalische Message erst nach wiederholtem Hören, so wie es bei Cope-Alben häufig der Fall ist. Nicht nur in dieser Hinsicht ähnelt das Album ein wenig dem unten vorgestellten von Psychic TV.



Repertoire: 3, Interpretation: 2


Psychic TV3:   Mr. Alien Brain vs The Skinwalkers

Rezensiert von: Frank

Van Morrison: Astral Weeks. Live at the Hollywood BowlDas Forum der diesjährigen Berlinale wartet mit einem besonderen Film auf: The Ballad of Genesis and Lady Jaye von Marie Losier zeigt die wohl radikalste Auffassung von Kunst, die selbst unter hartgesottenen Nerds vorstellbar ist. Im Mittelpunkt steht die sonderbare Vereinigung von Neil Megson alias Genesis P-Orridge und Jacqueline Breyer alias Lady Jaye. Ersterer eine Ikone der experimentellen Musik, letztere eine ehemalige Krankenschwester, Musikerin und P-Orridges Gattin. Zusammen verschmolzen sie zu einem Ehepaar mit einer derartig bilderbuchhaften Beziehung, dass beide irgendwann beschlossen, jeweils das Spiegelbild des anderen zu werden.

Alles begann Anfang der 1990er Jahre. Genesis P-Orridge verliebte sich in die Keyboarderin seiner Band Psychic TV. Jahre zuvor war er treibende Kraft und Sänger von Throbbing Gristle (GB), den Begründern der avantgardistischen Industrial-Music. Die Band war bekannt für ihre damals neuartigen und zum Teil kaum erträglichen Klangwelten, die sie mit analogen Synthesizern, selbstgebauten Effektgeräten und herkömmlichen Instrumenten zelebrierten. Zu den pochenden, stampfenden und kreischenden Lärmkulissen sang und brüllte P-Orridge verstörende Texte in der Pose eines manischen Psychoten.

Nach der Auflösung der Band gründete er sein eigenes Projekt Psychic TV (PTV), das fast bis zum heutigen Tage mit häufig wechselnder Besetzung existiert. Die stilistische Bandbreite reichte dabei von experimentellen Klängen über Acid, Wave und Techno bis hin zu fast schon radiotauglichem Indierock. PTV war dabei nie eine reine Musikgruppe, sondern eher ein multimediales Projekt mit einem gewissen Hang zu okkulten Praktiken und schockierenden Videodarstellungen. Letzteres führte in Kombination mit Pädophilievorwürfen zur Auswanderung ins US-amerikanische Exil.

Doch zurück zu Pandrogeny. Als P-Orridge 1993 bei einem Feuer fast einen Arm verlor und sich langwierigen Operationen unterziehen musste, schien er Gefallen an der plastischen Veränderung seines Körpers zu finden. Zuvor schon ein stolzer Träger ausgefallener Genitalpiercings, der die Freude über den Anblick seines Pimmelgehänges gerne mit seinem Publikum teilte, begann er mit der Totalumwandlung. Und zwar optisch in Richtung seiner Ehefrau Lady Jaye. Diese wiederum zog mit und näherte sich ihrerseits dem Gatten an. Man startete mit Wangenimplantaten und Botox-Aufspritzungen, machte weiter mit Hormonspritzen und vollendete das Werk schließlich mit künstlichen Brüsten. Heute ist aus dem damals leicht hässlichen Männchen ein noch ein weitaus hässlicheres Weib geworden, das sich allerdings beharrlich weigert, den letzten Schritt zu gehen: das Pimmelchen bleibt dran.

Leider erfuhr das Projekt einen mehr als herben Rückschlag. Im Jahr 2008 raffte der Krebs Lady Jaye dahin - und Essig war es mit dem Einander-Angleichen, der munteren Mutation zum Spiegelbild des anderen. Schätzungsweise 200.000 US-Dollar in nix und wieder nix investiert. Denn es ist eher unwahrscheinlich, dass P-Orridge eine Frau finden dürfte, die a) so ähnlich aussieht wie er und b) sich via Plastik-OP sein wenig erstrebenswertes Konterfei verpassen lässt. Und so macht der Gute einfach weiter wie bisher, denn, so behauptet er fest, die Verblichene hätte es ja sicher so gewollt.

Keine Frage, dass ein derart radikaler Totalkünstler auch ein gewisses Gespür für inspirierende Musik besitzt. "Mr. Alien Brain vs The Skinwalkers" ist das bisher letzte Album von PTV (genauer: PTV3) und versammelt zwölf zum Teil recht ausgedehnte Stücke, die man problemlos dem Genre der alternativen Rockmusik zuordnen kann. Will heißen, dass man kein ausgewiesener Experimental- und Indiekonsument sein muss, um den Songs etwas abzugewinnen. Unbestrittener Höhepunkt ist das langsame und trotzdem treibende "Trussed", das vor düsterer Energie nur so trieft. Ähnliches gilt für "Pickles and Jam" und "No good Trying", die weiteren Highlights des Albums. Der Rest schwächelt leider ein wenig und verliert sich, wie etwa "Boys are Girls and Girls are Boys" oder "New York Story" in der biederen Belanglosigkeit gewöhnlicher Rockstrukturen. Oder kommt vor lauter künstlerischer Überfrachtung einfach nicht in die Hufe. Dennoch: Über allem schwebt der unverkennbare Hauch eines in allen Bereichen extremen Menschen. Das wiederum macht "Mr. Alien Brain vs The Skinwalker" zu einer willkommenen Abwechslung im täglichen Musikgenuss. Jedenfalls dann, wenn sich kein Bild von Herrn P-Orridge in Sichtweite befindet.



Repertoire: 2-, Interpretation: 1 - 4

Throbbing Grisle: Discipline






Meursault:   Pissing on Bonfires / Kissing with Tongues

Rezensiert von: Frank

Van Morrison: Astral Weeks. Live at the Hollywood BowlWas sind Folktronica, Epischer Lo-Fi oder Indie-Folk? Auf den ersten Blick Wörter, deren Einzelteile irgendwie nicht zusammenpassen wollen. Auf den zweiten, hier speziell auf die schottische Band Meursault gerichteten Blick, eine Mischung aus akustischen Folksongs und elektronischem Minimalismus. Nicht zusammengekleistert, versteht sich, sondern getrennt. Akustik-Folk bleibt Akustik-Folk und Elektro bleibt Elektro, jeder Song spricht seine eigene Sprache.

Meursault, das ist vor allem der Solokünstler Neil Pennycook. Ein eindringlicher Sänger zur Gitarre und Verfasser ebenso eindringlicher Melodien von zuweilen tränenrühriger Schönheit. Und ein Texter vor dem Herrn dazu: " It′s a beautiful way to get lost / All you need is a bottle and a few nagging thoughts" tönt es da in Small Strech of Land zur kontemplativ gezupften Gitarre. Respekt, da muss man erst drauf kommen.

Irgendwann dämmerte dem kahlen Schotten, dass sich mit Begleitmusikern mehr ausrichten lässt. Also gruppierte er eine Handvoll Kumpane aus Edinborough um sich, dann erblickte die Band Meursault das fahle Licht der Welt. Übrigens benannt nach einem französischen Weinort, warum auch immer.

Dabei ist "Band" eigentlich zuviel gesagt, zumindest im klassischen Sinne. Auf Schlagzeug und Bass wird komplett verzichtet, dafür bedient man Synthesizer, iBook und auch mal eine Blasebalg-Tischorgel. Das alles passt zum Sound, der durchgehend minimalistisch daherkommt. So steuert die Band den akustischen Songs nur wohldosierte Portionen Banjo oder Zweitstimme hinzu. Die elektronischen Vertreter klingen nach Analogsynthie mit Billg-Drumbox. Könnte man eigentlich schnell auf dem heimischen Mac hinzimmern - doch auch hier gilt, dass man auf vieles erstmal kommen muss.

Pissing on Bonfires / Kissing with Tongues ist ein um mehrere Stücke ergänztes Remake des Debut-Albums der Band und stammt damit aus einer eher folklastigen Phase. Es startet mit dem durchaus epischen Elektro-Minimalismusstück Salt Pt. 1, dessen leicht höhenlastiger Sound und Gesang mal nervt, mal begeistert - je nach Weinpegel. Daher wohl auch der Bandname. Ist man ohne Pegel unterwegs, versöhnt spätestens Salt Pt. 2 schnell wieder, ebenso die anderen folkigen Stücke. Letztere dominieren, werden aber ab und an von elektronischen Ausbrüchen ergänzt. Und immer wieder faszinieren Pennycooks Gesangslinien, die ohne ein profundes Gespür für herausragende Melodik so nicht möglich wären. Dabei bleibt alles verblüffend einfach - die Instrumentierung, die Akkordstrukuren und die Arrangements.

Hie und da erinnert das Album ein wenig an die Zeiten, als Neil Young noch gute Songs schrieb, die ähnlich einfach und ähnlich wirkungsvoll waren. Will heißen, die es noch schafften, im Zuhörer etwas auszulösen. Meursault schaffen das zwar nicht immer, aber erstaunlich häufig. Einzig das Bassfundament fehlt manchmal, auch geraten die Rhythmusloops zuweilen ein wenig zu simpel. Aber darüber lässt sich ob der erfrischenden Andersartigkeit der Band gerne hinwegsehen.



Repertoire: 2, Interpretation: 1-2

Live-Auschnitt




Iggy Pop:   Préliminaires

Rezensiert von: Frank

Van Morrison: Astral Weeks. Live at the Hollywood Bowl"Künstlerisch tot" nannte Julian Cope seinen Kollegen Iggy Pop einmal. Ganz so unrecht hatte er damit nicht, denn die letzten Alben des Amerikaners dokumentierten vor allem eines: Stillstand. Langweilige Gitarrenriffs, gepresster Gesang, banale Songs - James Osterberg war schon lange damit beschäftigt, ein Sprung in seiner eigenen Auslaufrille zu werden. Auch die Reunion der Stooges war eher ein Griff ins Klo, als die Wiedergeburt einer der einflussreichsten Bands der Musikgeschichte. 2005 ist eben nicht 1968, und die übergewichtigen Opas von heute sind nicht mehr die rebellischen Teenager von damals. Kein Wunder, dass da nicht mehr rauskam, als müder Garagenrock der Schulbandklasse. Klar - wenn man seit Jahren keine Gitarre mehr in der Hand hatte...

Doch Iggy Pop hat dazugelernt. Mit Mitte Sechzig reichlich spät, aber immerhin. Schon immer hatte er die leichte Neigung zur leichten Muse. Schon früher fand sich das ein oder andere seichte Geplänkel zwischen seinen Kicking-Ass-Riffs, zu dem er mit seiner allertiefsten Kellerstimme leise Töne säuselte. Verzeihliche Ausrutscher und orientierungslose Verirrungen eines Berufsschreihalses mit HB-Männchen-Attitüde; verstohlene künstlerische Seitenblicke eines zur Realsatire gewordenen Mikrofonzertrümmerers.

Der Wille zum Wandel war also mehr als überfällig. Plötzlich hieß es, er wolle nicht mehr den "wilden Mann" markieren, den alle von ihm erwarteten. Schon gar nicht mehr in seinem Alter, rechtfertigte Pop sein neuestes Album "Préliminaires". Recht hat er, ohne Wenn und Aber! Der Mann muss vom Baum der Erkenntnis genascht haben - nur eben leider die verfaulten Früchte. Seinen künstlerischen Tod jedenfalls konnte er mit seinen neuen Tönen nicht in eine Auferstehung verwandeln.

Nichts gegen einen Hang zur leichten Muse oder ruhigeren Tönen. Aber auch das will gekonnt sein. Denn kaum etwas ist musikalisch ärgerlicher, als die uninspirierte Pseudo-Nachdenklichkeit, die sich wie ein trüber Schleier über Préliminaires legt. Als ob ein paar ungelenke Anleihen aus der verruchten Welt existenzialistischer Chansons einen sexistischen Proll zum intellektuellen Bohèmien erheben könnten.

Ganz in diesem Sinne werden auf den Höhepunkten der Pop′schen Tristesse französische Texte über gähnige Tanzschulenmuzak gesprochen (Je Sais Que Tu Sais, Les Feuilles Mortes) oder banale Lyriken über billige Keyboarduntermalung gekleistert (Party Time, He′s dead / She′s Alive). Die restlichen Songs reichen allenfalls an unteres Mittelmaß heran und können den Karren auch nicht mehr aus dem Dreck ziehen. All das verschlimmert sich noch durch die erschreckend eintönige und facettenlose Stimme Pops. Diese taugt offensichtlich nur noch für baritones Gebrabbel nahe der Einschlafgrenze und trägt zusätzlich zum Misslingen des Projektes bei.

Halten wir also fest: Gratulation zu der Erkenntnis, mal andere künstlerische Wege zu beschreiten. Das war lange überfällig. Aber, doch nicht so, Herr Pop, doch nicht so...

Repertoire: 3-, Interpretation: 5


Black Sheep / Julian Cope:   Kiss My Sweet Apocalypse 2

Rezensiert von: Frank

Van Morrison: Astral Weeks. Live at the Hollywood Bowl"Conflict is the origin of everything" zitieren die Black Sheep den Philosophen Heraklit im Beiheft zu ihrem Album "Kiss my Sweet Apocalypse 2" und weisen damit auf ihre zentralen Themen hin: Konflikt, Revolution, Protest. Auch der Hörer dürfte zunächst gewisse Schwierigkeiten mit der schweren Kost haben, die sich über zwei fast vollgepackte CDs zieht. Weit entfernt von der genreüblichen Phrasendrescherei, nehmen Initiator Julian Cope und seine Mannen den Begriff des Protestes ziemlich wörtlich und spielen auf zur längst überfälligen Rebellion gegen das verkrustete System. Dieses manifestiert sich insbesondere als Kapitalismus amerikanischer Prägung (schön: die Plakate mit der Aufschrift "Fuck AmerKKKan Kapitalism"), religiösem Dogmatismus, der Unterdrückung von Minderheiten und dem Schwinden der Meinungsfreiheit.

Die politischen Intentionen kommen dabei ein wenig diffus daher, eine stringente theoretische Linie ist schwer auszumachen. Vielmehr scheint die prinzipielle Bereitschaft zum Kampf gegen das etablierte Böse im Vordergrund zu stehen. Und diese zeigt sich für Cope und die Black Sheep im Unangepassten, im Außenseitertum, eben im Dasein als ein Schwarzes Schaf in einer ansonsten ideologisch gleichgeschalteten Gesellschaft funktionalisierter Opportunisten. Dabei wird nicht zwingend auf weltanschauliche oder sozialhistorische Details abgehoben, vielmehr kommt es darauf an, überhaupt aus einer Außenseiterposition heraus Einfluss auszuüben. Ein wenig undifferenziert schwimmen so C.G. Jung, Yoko Ono, Leila Khaled, T.C. Letherbridge oder Jim Morrison zusammen in einem Topf. Aber schließlich kommt es Cope und den Black Sheep in erster Linie auf die generelle Bereitschaft zur Opposition an, erst in zweiter Linie auf die je konkreten Hintergründe und Ziele ihrer Protagonisten. Trotzdem ist man weit entfernt von einer unkritischen Haltung gegenüber dem Rebellischen. Che Guevara, Lieblingsfigur vieler ehemals Alternativer, kriegt in einem der Stücke sein Fett weg, in dem es heißt " Che, Che, he said he was a saint, but I know he ain′t".

"Song" ist dabei eigentlich der falsche Begriff, und überhaupt, viel mehr gesungenen Text als diese wenigen Zeilen über den kubanischen Revolutionär gibt es auf dem gesamten Album nicht zu hören. Das mag viele enttäuschen, die Julian Cope als einen hervorragenden Sänger kennen. Doch dieses Album dürfte im Grunde jeden enttäuschen, der mit Copes Schaffen noch vorwiegend die Post-Punk-Band Teardrop Explodes oder die betörenden "Killer-Pop-Songs" aus den 1980ern und -90ern verbindet. Visionär, wie Cope nun einmal ist, verfolgt er mit aller Konsequenz seine künstlerischen Ambitionen. Wobei "künstlerisch" in einem sehr originären Sinn zu verstehen ist, nämlich der akustischen und visuellen Reflexion des eigenen sozialen und politischen Kosmos. Dass diese nach kulturindustriellen Maßstäben dann kaum radiotauglich und in einer praktisch nicht kommerziell verwertbaren Weise daherkommt, liegt auf der Hand.

Und so rumpeln auf "Kiss My Sweet Apocalypse 2" die Stand- und Hängetrommeln zum hypnotischen Klang der akustischen Gitarren, alles durchmischt von Geräuschen aus Holy Mc Grails Analogsynthesizern und gelegentlichen Klängen aus Copes Mellotron 400. Kompositorische Strukturen existieren - wenn überhaupt - nur in rudimentärer Form, es überwiegt ein grundlegender Sessioncharakter. Die meisten der Stücke beginnen mit einem einfachen Motiv, das von der Band permanent wiederholt und modifizierend gesteigert wird. Parolenartige Textfragmente werden über Minuten skandiert, was an basale Protestformen erinnert. Über allem liegt eine geradezu schamanisch anmutende Ursprünglichkeit, eine in ihrer Radikalität beinahe archaische Form musikalischen Ausdrucks. Rhythmische Strukturen, improvisatorische Spontanität und eine gehörige Portion Experimentierfreude dominieren das Klangbild, kaum aber Melodien und Arrangements.

Doch das ist genau das, was man eine absolut konsequente Interpretationsweise nennen könnte. Protest gegen das Etablierte kann nun mal nicht in den Formen des Etablierten daherkommen, und eine Revolution kann sich ebenso wenig in ein nettes Gewand melodischer Ohrenschmeichelei hüllen. Sie muss wehtun, aufwühlen und sogar zerstören. Und gerade deshalb ist der altbekannte Design-Leitspruch "Form follows funcion" für dieses Album mehr als zutreffend.

So bleibt "Kiss My Sweet Apocalypse 2" selbst für eingefleischte Cope-Fans schwere Kost, reiht sich bei genauer Betrachtung aber nahtlos in den roten Faden seines Schaffens ein. Man muss sich darauf einlassen können, beide CDs auf sich wirken lassen. Dann langsam offenbart sich die aufrüttelnde Tiefenwirkung dieser eigentümlichen Musik, die im Grunde nichts weiter ist, als Meditationen zum Thema Außenseitertum und Protest. Doch der aktuelle Zustand unserer Welt ist derart desolat, dass letzteres wichtiger ist, denn je. Opportunismus kann keine Lösung sein - ganz im Gegenteil. Dass Cope allen gegenwärtigen und auch künftigen Schwarzen Schafen einen Soundtrack für ihr Tun in Hände gelegt hat, ist daher mehr als zu begrüßen - auch wenn man sich mit der Zeit mal wieder auf ein Cope-Album in herkömmlicher Rock-Instrumentierung freuen würde. Schwarze Schafe sind eben auch nur Menschen...

Repertoire: nicht wertbar, Interpretation: 1



Van Morrison:   Astral Weeks. Live at the Hollywood Bowl

Rezensiert von: Frank

Van Morrison: Astral Weeks. Live at the Hollywood BowlDer ältliche Mann mit Hut spaltet die Gemüter. Ein Ausnahmesänger, ohne Zweifel. Wie kaum ein anderer in der Lage, jegliche Art von Musik mit seinem unnachahmlichen Timbre zu adeln. Jeder Ton ein Volltreffer - und selbst im fortgeschrittenen Alter klettert er die Skalen mühelos auf und ab. Dass er dabei stets so klingt, als habe er den halben Mund voller Gulasch, erhöht eher den Charme seines Gesangs. Er könnte selbst Schlager interessant klingen lassen, was er denn auch leider zuweilen getan hat.

Und damit wären wir schon bei den negativen Seiten des Iren angelangt. So treffsicher seine Stimme sein mag, so wenig treffsicher erwies sich in der Vergangenheit sein stilistisches Gespür. Er war unterwegs in einem weiten Feld zwischen Folk, Blues, Pop und Country und hinterließ der Musikwelt so einiges an Flops. Der absolute Tiefpunkt war erreicht, als Morrison gemeinsam mit dem christlichen Schmalzheini und Schlagerpop-Barden Cliff Richard den religionstriefenden Song "Whenever god shines a light" sang. Klar, Morrison ist gläubiger Christ und hat keine Probleme damit, das auch die Welt erfahren zu lassen. Aber wenn er schon unbedingt seinen Glauben ausleben muss, dann im Sinne der negativen Religionsfreiheit bitte nicht in Form radiotauglicher Popliedchen. Und schon gar nicht zusammen mit dem Schmalzdackel Cliff Richard. Allein schon diese Aktion hätte gereicht, um sämtliches Morrison-Tonmaterial aus den Plattenschränken und Playlists zu verbannen. Und zwar in alle Ewigkeit. Amen.

Dass eine neue CD von Morrison trotz all seiner Verfehlungen hier nun rezensiert wird, hat dagegen mit den Verdiensten zu tun, die die Habenseite seiner Musikbilanz zieren. Und diese ist geüllt mit zeitlos schönen und tief bewegenden Songs von zuweilen epochaler Größe. Wie kaum ein Zweiter beherrscht er die Kunst, das Wesentliche der Musik herauszuarbeiten, künstlerische Essenz zu isolieren und von allem Störenden zu befreien. Nicht selten besitzt diese Art Songs kaum kompositorische Strukturen. Häufig gibt es nicht einmal einen Refrain, von Bridges und ähnlichem Beiwerk ganz zu schweigen. Das braucht es auch nicht. Im Zentrum steht einzig die markante Stimme, die sich - Melodie- und Soloinstrument gleichzeitig - auf Basis einer wohlinstrumentierten und -arrangierten Musikbegleitung bis tief in die Seelen der Zuörerschaft bohren kann.

Leider begrenzte sich diese Phase seiner Arbeit auf die 1970-er Jahre, um dann sukzessive in der Versenkung zu versinken. Mit dem biederen Alte-Herren-Blues seiner jüngsten Alben verschwand schließlich der letzte Funken Hoffnung auf musikalische Offenbarungen aus dem Munde von Van the Man. Und keimte völlig überraschend mit der Veröffentlichung von "Astral Weeks - Live at the Hollywood Bowl" wieder auf. Diese enthält zwar kein neues Material, ist aber immerhin live eingespielt und eine Hinwendung zu seiner früheren Größe - für die das legendäre Album "Astral Weeks" wie kaum ein Zweites steht.

1968 in nur zwei Tagen im Jamsession-Verfahren aufgenommen, verkaufte es sich zwar zunächst schlecht, landete später aber trotzdem in sämtlichen Ranglisten der besten Alben aller Zeiten. Es markierte die künstlerische Neufindung Morrisons, der kurz zuvor die Band Them verlassen hatte und seinen lyrischen und stimmlichen Obsessionen freien Lauf ließ. Im Herbst 2008 führte Morrison das komplette Album schließlich live auf, die zugehörige CD wurde 2009 veröffentlicht.

Zu hören ist ein gut gelaunter Van Morrison, dessen stets präsente Stimme um einiges reiferer klingt, als auf der Originalaufnahme. Die vielköpfige Band - inclusive des Streichersatzes könnte man fast von einem Orchester sprechen - spielt dezent, präzise und entspannt, schafft die ideale Basis für die Vokalakrobatik des Maestro. Zum Einsatz kommen dabei ausschließlich akustische Instrumente. So hangelt sich Morrison munter improvisierend durch die Songs von "Astral Weeks" und legt mit Listen to the Lion und Common One zwei Boni drauf. Dabei scheint der sonst eher schrullige und notorisch schlecht gelaunte Grantler seinen Spaß zu haben, an einigen Stellen entfleuchen ihm sogar - oh historische Momente - Lacher.

Ein Album, das Spaß macht: ob Slim Slow Rider, Sweet Thing oder das fulminante Madame George - hier jagt eine Offenbarung die andere. Und ein Album, das hoffen lässt, Morisson möge zurück zu alter Größe finden und dem gähnigen Biedermeier-Blues Marke Musiker-Altenteil den Rücken kehren. Das Zeug dazu hat er immer noch, da gibt es keinen Zweifel.

Repertoire: 2, Interpretation: 1

Neil Young:  Fork In The Road

Rezensiert von: Frank

Julian Cope: Black SheepNeil Young war mal ein Guter. Ein meiner Helden. Unvergessen seine hypnotisierenden Gitarrensoli, die erfrischend untechnisch waren, dafür direkt aus der Seele zu kommen schienen und das taten, was nur ganz wenige Gitarristen schaffen: zu berühren. Unvergessen der Abend vor Jahren im Hamburger Stadtpark, als Neil Young und Crazy Horse eine epische Version von Cortez The Killer ablieferten, die selbst dem eher nüchternen Rezensenten Schauer über den Rücken jagte und ihn ins Reich andächtiger Kontemplation schickte - was zuvor kaum ein Musiker live je bewerkstelligt hat.

Doch Neil Young hat auch jede Menge Leichen im Keller. Nicht im Sinne stilistischer Verirrungen auf das Terrain kommerzieller Schleimfelder, sondern eher als bemerkenswerter Hang zu im besten Falle unterdurchschnittlicher Kompositorik und Arrangierkunst. Irgendwie haben wir uns im Laufe der Zeit daran gewöhnt, seine Perlen inmitten belangloser bis langweiliger B-Ware zu aufzuspüren, was - abgesehen mal von Youngs glorreicher Grunge-Zeit in den 1990ern - fast immer der Fall war. Doch was, wenn die Perlen gänzlich ausbleiben und nur noch der schale Bodensatz in der leeren Tasse schimmert?

Seit dem Anbruch des neuen Jahrtausends scheint Youngs Stern im Sinken begriffen. Genau genommen sinkt er bereits seit dem Abschluss der grandiosen Weld-Tour Mitte der 1990er, als der langsam in die Jahre kommende Kanadier angesichts furioser Feedback-Orgien und scheppernder Powerchords einen Hörschaden erlitt und den Entschluss fasste, ein wenig leiser zu treten. Doch die kurze Phase eher akustischer Gitarrensongs währte nicht lange und wurde von einer Hinwendung zu erdigem Garagenrock abgelöst. Leider spielte Young diesen nicht mehr mit den kongenialen Crazy Horse ein, sondern mit der eher langweiligen Tourband Booker T & The MG′s, dabei oft unterstützt von seiner Frau Pegi am Background-Gesang. Bei aller Erdigkeit konnten seine Stücke den früheren Gitarrenelegien kaum mehr das Wasser reichen und verloren sich nur allzu gern im Belanglosen und zuweilen auch Schwülstigen.

Leider setzt er mit seinem neuesten Werk "Fork in the Road" diese Erosion künstlerischer Substanz fort. Das Konzeptalbum handelt im wesentlichen vom Autofahren, denn Herr Young scheint es zu lieben, mit seinem Lincoln durch die USA zu cruisen. Auch an ihm ist nicht vorbei gegangen, dass besonders US-amerikanische Spritfresser jede Menge Abgas in die Luft blasen, weshalb er sich an die Entwicklung eines umweltfreundlichen Elektro-Lincolns gemacht hat. Keine allzu schlechte Idee für jemanden, der sich wohl keine zwanzig Kilometer auf einem bepackten Reiserad halten könnte...

Das alles spickt Young noch mit ein bisschen lauer Banker- und Politikerschelte und verpackt es in rumpeligem Garagenrock der Anfängerklasse, zu dem er wie ein nuscheliger Ami-Onkel ins Mikro nölt. Ab und an hat er mal einen lichten Moment und spielt ein verzückendes Riff. Allerdings nur, um es Sekunden später mit einem grützigen Refrain oder einer anderen musikalischen Verwunderlichkeit in die Tonne zu treten. Dann mischen sich nicht selten seine Stimme und die der Begleitmusiker zu chorhaften Melodiegebilden, deren Wendungen man bestenfalls als fragwürdig bezeichnen kann. Einzig lobenswert ist sein einzigartiger Gitarrensound, doch auch der kann die Karre schon lange nicht mehr aus dem Dreck ziehen.

Alles zusammen hat Young mit Fork in the Road eine weitere Scheibe mit leider wenig begeisterndem Garagen-Rock abgeliefert, der - schaut man sich die Videos zu den Songs an - eher in die Abteilung für ranzigen Geronto-Rock gehört. Schade.

Repertoire: 3, Interpretation: 4

Brain Donor:  Wasted Fuzz Excessive

Rezensiert von: Frank

Julian Cope: Black Sheep Es geht doch nichts über produktive Künstler - vor allem, wenn sie kreativ und gut sind. Nachdem Julian Cope zuletzt mit seiner genialen Joe Strummer Memorial Busking Tour im wahrsten Wortsinne auf eher akustischen Pfaden umherwanderte, lässt er mit seiner "Stuporgroup" Brain Donor gleich zu Beginn des neuen Jahres die Verstärker wieder auf Volllast laufen. Seine Plattenreviews auf
 www.headheritage.co.uk zeigen, dass Ausnahmekünstler Cope jede Menge Musik verköstigt, die sich fern ab dessen bewegt, was Alternative- oder Indierock im Schnitt zu bieten haben. Und während selbst seine für Durchschnittsohren schwer konsumierbaren Soloalben vergleichsweise melodisch und eingängig daherkommen, entwickelt sich Brain Donor immer mehr zur Plattform für Copes experimentellmusikalische Obsessionen. Gewiss ist in seiner Künstlerseele Platz für beide Regungen; und es kann davon ausgegangen werden, dass sie dort gleichwertig koexistieren.

Als Cope Ende der 1990er Jahre gemeinsam mit Spitzengitarrist Doggen und Drummer Kevlar das Powertrio Brain Donor aus der Taufe hob, servierte man dem Publikum harten Proto-Metal und krachenden Post-Glamrock. Cope und Doggen stelzten geschminkt und auf Plateausohlen über die Bühne und arbeiteten sich an Doppelhalsgitarren ab, um optisch eindrucksvoller und akustisch wuchtiger rüberzukommen. Zuweilen verließen Mengen konsternierter Zuschauer die Säle, weil sie nichts mit dieser ekstatischen Musik anzufangen wussten, zu der Cope mehr brüllte als wie üblich kunstvoll sang. In viele Gesichter stand wohl die Frage geschrieben, ob das wirklich der Mann ist, der mal "Fear Loves this Place" gesungen hat.

Mit der Zeit, spätestens aber seit dem Album Brain'd Boner, verschob sich der Sound mehr in Richtung rauschhaft-meditativer Elemente. Hier dominieren epische Gitarrenkaskaden und bis zur Penetration wiederholte Gewaltriffs, die mit zuweilen grotesk übersteigerten Gesangslinien verfeinert werden. Ganz in dieser Machart fällt auch Wasted Fuzz Excessive aus. Auf die gesprochenen Einführung The Mead of Fimbulthul folgen zwei ausgedehnte Instrumentalstücke (Gates of Skagerrak, Death Becomes You) aus der Kategorie "verzerrte Klangmeditation", die zur einen Hälfte aus Gitarrensoli und zur anderen Hälfte aus Wah-Guitar-Kontemplationen bestehen. Auf Dyselexia Rules K.O. spielt sich Doggen endgültig in den Olymp der Gitarrengötter, wenn er ganz ohne Begleitmusiker die Skalen hoch und runter fiddelt. Mit Emerging folgt mal wieder ein Stück in alter Donor-Tradition, ebenfalls gespickt mit Doggens Fingerfertigkeit und Copes treibendem Bass und Gesang. Unmittelbar daran schließt sich mit Shadow of my Corpse ein bemerkenswertes Basssolo an, das wohl gelegentlich zum Cope'schen Live-Repertoire zählt. Ein wenig eingängiger klingt danach der entfernt an Iggy Pop erinnernde Song Frankenstein. Diesem warf Cope übrigens einmal vor, künstlerisch einfallslos geworden zu sein (was der Autor nur bestätigen kann). Er empfahl ihm, mal ein Album mit meditativer Gitarrenmusik und ganz ohne Gesang zu machen. Was er damit meint, lässt sich auf Wasted Fuzz Excessive in Teilen erleben. Fokkinger Slag und The Hanging beenden dieses eindrucksvolle Album mit einer gehörigen Prise musikalischer Experimentierfreudigkeit, Copes schwerlastigem Basssound und exzessiven Gesangsparts. The Hanging treibt das alles auf die Spitze und trägt den Zuhörer auf dahinwabernden Geräuschteppichen zurück in die Stille nach dem Ende der CD.

Wasted Fuzz Excessive ist alles andere als leichte musikalische Kost. Musikalische Meditationen, die in ihrer Rau- und Schroffheit ideal zu den kühlen nordischen Landschaften passen, die Cope samt ihrer Mystik gerne beschwört. Und hat man sich erst mal warmgehört, folgt man nur allzu gern der Aufforderung auf dem Cover:"Play this Power Trio Loud as Hell!".

Infos / Bezug:   www.headheritage.co.uk     www.braindonor.org

Repertoire: 2, Interpretation: 1


Julian Cope: Black Sheep

Rezensiert von: Frank

Julian Cope: Black Sheep Die Erwartungshaltung war groß, als Julian Cope vor einigen Monaten auf seiner Website (  www.headheritage.co.uk) ankündigte, an einem neuen Album zu arbeiten. Vom Dasein als "schwarzem Schaf", als Außenseiter in der modernen westlichen Gesellschaft, sollte es handeln, so die Ankündigung. Musikalisch sollte der bereits bei "You gotta Problem with me" eingeschlagene Weg weiter verfolgt werden. Zu erwarten war also eine eher ungewöhnliche Instrumentierung aus orchestralen Perkussionsinstrumenten, Mellotron (einem mit Magnetbändern betriebenen analogen Tasteninstrument), Oboe, Synthesizer und - man merke auf - schönem mehrstimmigen Gesang.

Schnell wurde bestellt, als "Black Sheep" endlich im Merchandiser von Headheritage auftauchte. Und mit zittrigen Fingern schließlich in den CD-Player gesteckt, offenbarte Copes neues Album eine gelungene Vorstellung von einem so hoch entwickelten wie visionären Songwriting. Cope höchstselbst gestaltete zudem das Cover, das die in Öl gemalte Flagge der Anarchisten mit einem Zitat C.G. Jungs schmückt.

Black Sheep ist ein Album der eher ruhigen Töne. Wie bei Cope üblich, verteilen sich die neun Songs auf zwei CDs mit zusammen knapp 70 Minuten Länge. CD Eins trägt den Untertitel "The Return of the Native" und klingt ein kleines bisschen härter als CD 2 - "The Return of the Alternative". In die Ohren sticht bei beiden Teilen des Konzeptalbums vor allem die stilistische Unterschiedlichkeit der Songs. Kommen Come The Revolution und It's Too Late To Turn Back Now anarchisch krachend daher, gehören These Things I know, Blood Sacrifice und Psychodelic Odin der feinmelodischen Songfraktion an, die von Cope überzeugend mit ruhiger und klarer Stimme gesungen wird. Bei letzterem handelt sich dazu um ein typisches Beispiel für Copes hochmelodisches Gespür. Fast schon ein umwerfender Pop-Song alter Cope-Schule, mit dem der visionäre "Archdrude" früher einen Großteil seiner Brötchen verdient hat. Ganz anders dagegen The Shipwreck of St. Paul; in dem ein magisch verzerrter Gesang durch tief wabernde Synthesizerklänge dringt. Das Stück besticht durch eine eigentümlich mystische Stimmung, die sich erst bei mehrmaligem Hören in voller Gänze entfaltet.

CD2, "Return of the Alternative", beginnt geradezu beschwingt mit All The Blowing-Themselves-Up Motherfuckers, in dem ein eingängiger Chorgesang dominiert. Es wird gefolgt von Feed my Rock n' Roll, dem einzigen eher schwächeren Song auf dem Album. Das filigran-schöne Dhimmi is Blue handelt (u.a.) augenscheinlich vom Sterben und wird mit glockenklarem Gesang zu Klavier vorgetragen. Der Black Sheep Song bildet das inhaltliche Kernstück. In dem ruhigen Akustikgitarrenlied geht es um die "Schwarzen Schafe", die sich nicht von der geführten und manipulierten Masse einnehmen lassen, weshalb sie ein benachteiligtes Randdasein fristen müssen. In ihrer Unangepasstheit bilden sie jedoch das Rückgrat jeder Freiheit und Unabhängigkeit. Den Abschluss bildet das epische I can Remember this Life, das sich gerade wegen seiner pulsierenden Ruhe um so eindringlicher in den Geist des Hörers schraubt. Eine meditative Stimme singt eine fast altertümlich wirkende Melodie zu einem harmonischen Gemenge aus einzeln gesetzten Klaviertönen, Synthesizerklängen und wabernden Mellotronlinien - ein würdiger Abschluss für ein großartiges Album.

In seinem Vorwort beschreibt "Hobby-Historiker" Cope die Ausbreitung der Wüstengötter Jehovah, Allah und des Christengottes aus dem kriegerischen mittleren Osten nach Nordeuropa. Er stellt treffend fest, dass diese Wüstengötter in ihrer Grausamkeit und Inhumanität die ebenso grausamen, kriegerischen und insgesamt sehr schwierigen Lebensumstände jener Völker widerspiegeln, die in der Antike in dieser Weltgegend lebten. Allerdings seien diese fremdländischen Gotteskonzepte den nordeuropäischen Lebensumständen und der daraus resultierenden Kollektivpsyche kaum angemessen. Jedoch von den patriarchalen Römern dorthin exportiert, seinen die nordischen Götter ausgelöscht worden, und mit ihnen das Konzept der Gleichheit der Geschlechter, das - so kann es interpretiert werden - bei Cope für ein Konzept der wahren Humanität steht. Mit den Wüstengöttern brachen also Unterdrückung, Gewalt und Inhumanität in die nordische Welt ein, ganz nach seinem Schlagwort: "The True Fiend Rules in God's Name" (Der wahre Feind herrscht im Namen Gottes).

Black Sheep ist alles in allem ein musikalisch wie inhaltlich ausgesprochen inspirierendes Album eines der wenigen Kulturschaffenden, die man noch ohne Vorbehalte als wahren "Vollblutkünstler" bezeichnen kann.

Repertoire: 1, Interpretation: 1


The B-52s: Funplex

Rezensiert von: Frank

The B-52s: Funplex Sechzehn Jahre Versenkung sind eine ganze Menge. Diese halbe Ewigkeit liegt die Veröffentlichung des letzten Albums der B-52s bereits zurück. Sicher haben die Vier aus Athens / Georgia in der Zwischenzeit das ein oder andere geleistet, doch mit Funplex meldet sich die beste Partyband der Welt endlich wieder komplett zurück im Neolicht. Dennoch wirft die lange Pause Fragen auf: Was war los? Keine Ideen mehr gehabt? Oder sollen bloß noch ein paar Zusatztaler für die Rente eingefahren werden? Immerhin sind Fred Schneider & Co. jenseits der 50 und damit nicht mehr die Allerjüngsten. Wie dem auch sei, Funplex klingt frisch, locker, dynamisch und genau so, wie man die B-52s seit eh und je kennt.

Kate Pierson und die wieder eingestiegene Cindy Wilson singen luftig-locker, spritzig, kreischen zuweilen, und dringen mit Leichtigkeit selbst in trägste und verschmalzteste Gehörgänge ein. Sie sind mit einem Wort einfach DAS weibliche Gesangsgespann der Rockgeschichte. Dabei klingen sie so jugendlich wie immer und geben bessere Punk-Röhren ab, als so manches Teeniemädel. Ihre Stimmen sind so urweiblich wie anregend und nebenbei auch eine willkommene Abwechslung zum industriekonformen DIN-Soulgejodel, das einem heute überall in die Ohren gekleistert wird.

Doch was wären die beiden ohne den kosmischen Fred Schneider? Seine unverwechselbare Comicstimme reicht, wenn's hoch kommt, gerade über eine halbe Oktave. Aber diese halbe Oktave hat es knüppeldicke in sich. Schneiders Vokalattacken sind nicht nur das Salz in der Ursuppe, sondern der Kontrapunkt zur weiblichen Gesangsdynamik. Man freut sich auf jeden neuen Einsatz, fiebert ihm förmlich entgegen. Und ein besonderes Highlight ist es, wenn Schneider die Leadvocals übernimmt, wie etwa in Eyes Wide Open, das im Übrigen leicht an This Planet's a Mess aus seinem 1984er Soloalbum Monster erinnert - und das war Wave pur.

Keith Strickland ist bei allem der unscheinbare Strippenzieher im Hintergrund. Der schüchtern wirkende Gitarrist hat nicht nur zusätzlich die meisten Bassspuren eingespielt, sondern firmiert auch als Musical Director und ist für eine Reihe der computergestützten Sounds verantwortlich. Letztere verleihen dem Album einen diesmal angenehm modernen Hauch und hätten durchaus ein wenig fetter und öfter aufgetragen werden können.

Wenn eine Band nach einer so langen Zeit wieder aus der Versenkung auftaucht, hat sie eine große Bürde zu tragen. Eigentlich könnte man guten Rechts verlangen, dass jedes neue Stück eine Offenbarung sei - schließlich war die kreative Pause lang genug. Diese hohe Hürde haben die B-52s zwar nicht genommen. Dafür haben sie ein erfrischendes Album nach altbewährten Rezepten abgeliefert, das den Hörer zwar nicht in Sphären des erweiterten Bewusstseins katapultiert, die Band dafür wieder auf das Podest der weltbesten Partyband. Es gibt drei geistreinigende Stücke (Pump, Too Much To Think About, Eyes Wide Open) die zeigen, in welche Richtung der künftige Pfad der B-52s gehen sollte. Dann noch ein paar stimulierende Partykracher wie Deviant Ingredient und leider auch zwei bis drei Laufzeitfüller. Letztere sollten wir aber nicht überbewerten, denn im Vordergrund steht erst mal die Freude darüber, dass sich die B-52s in Fast-Urbesetzung überhaupt wieder zurückgemeldet haben. Nun bleibt inständig zu hoffen, dass die Pause bis zum nächsten Album nicht wieder so lange ausfällt...

Repertoire: 3, Interpretation: 3-


Brain Donor: Thekla

Rezensiert von: Frank

Brain Donor: Thekla Der Blick auf die Headheritage-Website Ende Dezember offenbarte eine angenehme Weihnachtsüberraschung: Angeboten wurde ein Bootleg eines Konzerts von Julian Copes Spezialprojekt Brain Donor. Vor etwa einem Jahrzehnt tat sich der Brite mit Ex-Spiritualized Gitarrist Doggen Foster und Drummer Kevlar zusammen, um ein durchschlagendes Power-Trio ins Leben zu rufen. Kevlar wurde später durch Mister E ersetzt, der zusammen mit Doggen Foster auch im Line-Up der Cope'schen Hausband zu finden ist.

Brain Donor wird von Cope zuweilen als "Stuporgroup" (Betäubungs-Gruppe) bezeichnet, was angesichts ihres rauen, harten und ungeschliffenen Sounds verständlich ist. So produziert das Trio vornehmlich scheppernde Attacken auf Gehör und Gehirn, gespickt mit langen Gitarrensoli, hypnotischem Gesang und harscher Brachialität - Proto-Metal at it's best.

Außer den bisher erschienen Studioalben ist Thekla Brain Donors einzige Live-CD, sieht man einmal von der allerdings hoffnungslos vergriffenen CD "Too Freud to Rock' n Roll, Too Jung to Die" ab. Es handelt sich um die Aufzeichnung eines Gigs im namensgebenden Thekla-Club in Bristol, die aus dem Publikum mithilfe eines tragbaren Recorders gemacht wurde. Irgendwie gelangte die Aufnahme zu Headheritage, wo sie nun aufgrund der mäßigen Soundqualität für wenig Geld (knappe 10 Euro) angeboten wird.

Zu hören sind bei insgesamt akzeptabler Klangqualität acht energiereiche Stücke. Besonders beeindruckend sind Doggen Fosters Gitrarrenkünste, die von einschlagenden Riffs bis hin zu nahezu außerirdischen Soli reichen. Das Fundament bilden dabei Copes knochenharter Bass und Mister E's sportliche Schlagzeugdresche. Copes sehr wandlungsfähiger Gesang passt sich den Gegebenheiten an - man glaubt kaum, dass dieselbe Stimme Spitzensongs wie I found a new way to love her intoniert hat. Insgesamt ist "Thekla" eine kurzweilige CD, die eine erfrischend spielfreudige Band in Minimalbesetzung zeigt. Ab und an kommen Assoziationen an Iggy Pop's Livesound auf, wobei Brain Donor diesen allerdings ganz klar auf die hinteren Ränge verweist. Zum einen nämlich ist der Cope'sche Proto-Metal um einiges innovativer, als Pops immergleicher Kick-Ass-Sound. Zum anderen wartet Cope mit einer umfangreichen Botschaft auf und befriedigt somit auch intellektuelle Ansprüche. So kann man also unbedenklich jener klugen Anweisung folgen, die auf vielen Brain Donor - CD's aufgedruckt ist: Play this power trio loud as hell!

 www.headheritage.co.uk
 www.braindonor.org

Repertoire: 2-, Interpretation: 1


Smashing Pumpkins: Zeitgeist

Rezensiert von: Frank

Smashing Pumpkins: Zeitgeist Die Musikwelt war um eine geniale Band ärmer geworden, als ihr Sänger und Chef Billy Corgan vor ein paar Jahren beschloss, die Smashing Pumpkins auf Eis zu legen. Personeller Ärger und fehlende Unterstützung durch die Plattenfirma waren die Gründe für diesen so konsequenten wie bedauernswerten Schritt. Seiner Hörerschaft hinterließ er mit Machina II/The Friends & Enemies of Modern Music ein beachtliches Musikwerk, dass er im Internet zum kostenlosen Herunterladen bereitstellen ließ, nachdem seine Plattenfirma die Veröffentlichung herauszögern wollte.

Im Unterschied zum stellenweise recht experimentellen Machina II klingt Zeitgeist geradezu geradlinig und kommerziell. Die zwölf Songs sind allesamt in einem Rutsch durchhörbar, ecken kaum an, fallen aber angenehm durch eine unverkennbare Härte auf. Wieder schichtet Corgan zig Gitarrenspuren übereinander, um den typischen Bombastsound der Pumpinks hinzukriegen. Ausnahmedrummer Jimmy Chamberlin besticht dabei mit treibend-virtuoser Rhythmusarbeit, während Corgan seine Texte in gewohnter Manier über die fetten Arrangements näselt. Dabei ist Chamberlin der Einzige aus den alten Tagen der Band, der Rest wurde schlicht dazugekauft - von Wiedervereinigung kann also kaum die Rede sein.

Thematisch kreist Zeitgeist um die kriegstreibenden Vereinigten Staaten unter George W. Bush, besonders trefflich dargestellt im Inneren des Beihefts: Dort steht der Sensemann höchstpersönlich auf dem präsidialen Rednerpult des Weißen Hauses. Besser ließen sich Bush und seine Außenpolitik kaum symbolisieren.

Alles in allem reicht Zeitgeist in seiner Geradlinigkeit leider nicht an seine Vorgänger heran. Ein wenig mehr Experimentierfreude hätte dem Album gut getan; auch reichen die Songs - mit Ausnahme von "United States" - nicht über (oberes) musikalisches Mittelmaß hinaus. Oft drängt sich leise der Verdacht an kommerzielle Zugeständisse auf. Aber vielleicht muss sich Corgan einfach nur wieder warmkomponieren....

Repertoire: 3, Interpretation: 3


Julian Cope: You Gotta Problem With Me

Rezensiert von: Frank

Julian Cope: You Gotta Problem With Me Der Mann ist beneidenswert: Mit den Tantiemen aus seinen Erfolgen in den Siebzigern und Achtzigern kann Cope heute gut genug leben, um machen zu können, was er will. Nicht, dass er mit "Trampolene" & Co. steinreich geworden wäre. Jedoch hat ihn schon damals kommerzieller Opportunismus aufs Tiefste angewidert. So verzog er sich etwa nach seiner chartsmäßig größten Knaller-LP "My Nation Underground" gedemütigt ins Studio und nahm auf eigenes Risiko authentische Cope-Songs auf.

Heute hat er sich derart konsequent von allen Plattenfirmen und kommerziellen Verpflichtungen getrennt, dass seine CDs höchstens noch in Second-Hand Plattenläden zu finden sind. Alles andere muss über den Vertrieb seines eigenen Labels bezogen werden.
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Die völlige Unabhängigkeit von den kommerziellen Ansprüchen großer Plattenfirmen hat Cope mehr als gut getan. Nun kann er ungestört seine musikalischen und inhaltlichen Obsessionen ausleben, was für den Hörer unter Umständen auch unbequem ausfallen kann. Waren seine beiden letzten Alben von teils heftigem Gitarrengerotze und einer in laute Klangmauern transformierten emotionalen Tiefe gekennzeichnet, kommt You Gotta Problem With Me um einiges leiser daher.

Wieder kreist alles um sein Lieblingsthema, namentlich die destruktive Kraft monotheistischer Religionen, die es zu bekämpfen gilt. In seinen Texten begibt er sich zur Veranschaulichung in Länder wie den Irak oder Saudi Arabien. Denn besonders dem Islam kreidet er an, Unterdrückung und Leid von Frauen im Namen einer narzistisch-patriarchalen Herrschaft zu unterstützen. So fußen für ihn die drei "anti-humanen" Religionen Christentum, Judentum und Islam auf einem "barbarischen Bronzezeit-Text, dem Alten Testament" (Covertext, eigene Übersetzung).

Wer bei soviel Leidenschaft krachigen LoFi-Protometal á la Brain Donor erwartet, dürfte allerdings enttäuscht werden. Cope hat viel zu sagen, und so mutiert die Musik eher zur nebensächlichen Untermalung seiner ausgedehnten Lyrics. Dabei fasziniert einmal mehr sein stimmlicher Variationsreichtum. Mal kreischt er heiser, mal säuselt er tief und sonor, mal wechselt er von gefühlvoller Brust- zu tragischer Kehlkopfstimme. Sick Love und Can't Get You Out Of My Country interpretiert er mit geradezu alberner Intonation, und Woden wird künstlich in solche Höhen gepresst, dass seine Stimme stets kurz vor dem Umkippen steht - alles im Dienste der bestmöglichen Übereinstimmung von Aussage und Gesang.

Die Instrumentierung bleibt also eher spartanisch. Im Vorderund stehen Gitarre und Mellotron, während die Rhythmussektion einer Roßkur unterzogen wurde. Statt eines Schlagzeugs sind zumeist nur einzelne Trommeln und Becken zu hören, wie man sie von Marschkapellen her kennt. Ab und an lugt Copes unvergleichliches Talent für bestechende Melodieführungen heraus. So hätte Doktor Know ohne weiteres das Zeug zu einem veritablen Radiohit - wäre es standardgemäß instrumentiert. Aber so verleihen gerade die verlorene Gitarre, das zarte Mellotron und die vereinzelten Trommeln den lieblichen Lyrics eine ganz besondere Magie. Allerdings dürfte derartiges nur geübten Kennern des Cope'schen Werkes zugänglich sein. So wendet sich auch You Gotta Problem With Me an einen vergleichsweise kleinen Hörerkreis, der eben dieses und ähnliche Probleme mit Herrn Cope nicht kennt.

Repertoire: 2, Interpretation: 1