
Russisches Frühstück
Moin Fans, Sympathisanten und Musikfreunde!
Fersehgucken müllt das Hirn voll, keine Frage. Ganze Weltmeere lassen sich mittlerweile mit den Unmengen an Dünnsinn füllen, die in den unzähligen Kanälen produziert werden. Und wenn man meint, dass es nicht mehr schlimmer gehen kann, beweist der nächste TV-Dreck prompt das Gegenteil - und zwar schneller als fibröse Flitzkacke. Da hilft nur Ausschalten, Weggucken oder die Glotze zertrümmern. Doch Menschen sind schwach. Und solange der Verdummungsapparat noch in den Wohnungen quäkt, rast die westliche Zivilisation mit Siebenmeilenstiefeln im Rückwärtsgang in den Abgrund.
Auch bei uns steht noch eine Glotze im Wohnzimmer. Und auch ich bin schwach und schalte das Ding zuweilen ein. Meistens nur, um beim Abendessen deutsche Familien- und Beziehungsfilme anzugucken. Natürlich nur in den Öffentlich-Rechtlichen, Kommerzsender sind per se mit Boykott belegt. Nur beim Zappen auf den nächsten Problemfilm erhasche ich schnipselhafte Ausschnitte aus dem Reich der Privatkacke. Nicht, dass meine seichte Essunterhaltung besonders hochwertig wäre. Doch manchmal bleibe ich staunend auf einem der Schmuddelsender hängen, weil ich einfach nicht glauben kann, was sich dort abspielt. Und als langsam (zumindest numerisch) in die Jahre kommender Mensch, also als einer, der noch Robert Lembke, Hans-Joachim Kuhlenkampf und den elenden pfälzischen Ministerpräsidenten Helmut Kohl zu Zeiten live in der Glotze erleben durfte, als sich eine trockenpfläumige Angela Merkel noch um das Agitationgeschäft der FDJ kümmerte; also kurz gesagt, als einer, der noch die gute alte Zeit des spießbürgerlichen Kaltkriegs-TV kennt, kann ich heute oft kaum glauben, was Programmverantwortliche so alles in den Äther blasen.
Erstes Beispiel: Der Grand Prix der Volksmusik. Realsatire par excellence, ganz so, wie der sonntägliche Gottesdienst auf NDR-Info. Nur habe ich diesmal Glück, denn man zelebriert die 25ste Jubiläumssendung. Zur Strafe holt man alle Gewinner der zurückliegenden Jahre auf die Bühne, während man ihren jeweiligen Siegessong anspielt. 25 VOMU-Sieger-Interpreten auf einen Haufen, darunter so illustre Leute wie Stefanie Hertel und der Trompetenbetrüger Mross. Geschmack und werthafte Musikkultur sind ebenso in weiter Ferne, wie die Mitarbeiter von Al Qaida. Ein Liedchen blöder als das andere, ein Interpret bescheuerter als der nächste. Doch wirklich interessant wird die Rückschau erst am Ende: In den gesamten 25 Jahren der Volksmusik hat sich nichts verändert. Die Sülze von 1985 klingt genauso, wie die Sülze von heute. Alles das Gleiche; die gleichen Melodien, die gleichen Schemata, die gleichen Sounds, die gleichen Debilitäten und Anbiederungen. Alles das Selbe, doch keiner unternimmt etwas dagegen und das Publikum schunkelt sich in die Regression. Selbst der Plastikpop aus den Charts hat sich mit den Jahren verändert. Doch in der VOMU herrscht Stillstand. Wie in den Hirnen der VOMU-Fans – nachdem sie damals Sprechen, Zählen und Masturbieren gelernt haben.
Was mich aber eigentlich wundert, ist folgendes: 1985, als ich noch jung war, waren VOMU-Adepten nur Leute jenseits der Inkontinezgrenze. Debile Säcke und alte Schabracken, degenerierte Bierbauchträger und vertrocknete Faltenlieseln, die keine Ahnung von Nichts zu haben schienen. Kultureller Bodensatz eben, jedoch mit genügend Kaufkraft für aufwändige TV-Shows zur samstagabendlichen Primetime. Was aber ist mit den Leuten, die heute bei den "Jungen Paldauern" feucht im Schritt werden? Hatten die nicht damals noch über die VOMU-Hirnis mit ihrer Dummenmusik gelacht? Hatten die nicht in den 80ern zu NDW, Wave oder Discomukke getanzt und waren dabei im Ansatz so etwas wie progressiv? Fragen über Fragen. Die Antwort bleibt Euch überlassen. Fest allerdings steht, dass sich heutzutage auffällig viele jüngere Menschen im VOMU-Publikum tummeln. Ob das etwas mit Sehnsucht nach Harmonie und heiler Welt zu tun hat? Wohl kaum. Eher mit der Sehnsucht nach dem Abschalten des Verstandes.
Zweites Beispiel: Die Sendung X - Factor auf RTL. Die Szenerie: Vor einem großen X der Marke "Grundkurs billiges TV-Design" sitzen drei Hohlbratzen der Marke "prominent durch Blödheit" als Juroren. Dahinter das Studiopublikum der Marke "Bildung, wozu?" und ganz vorne ein Kandidat der Marke "ich mach’ alles, Hauptsache ich bin im Fernsehen". Letzterer ist in meinem Falle ein schwitziger Älterer, der eine Opernarie trällert. An sich nichts allzu Schlimmes, wäre da nicht die verlogene Pseudoergriffenheit der sogenannten Jury. Aus wem diese genau besteht, weiß ich nicht. Leute dieses Kalibers sind mir aktuell nicht mal eine Google-Anfrage wert. Unter ihnen war – glaube ich jedenfalls – Sarah Connor. Also jene Trällerliese, die in erster Linie durch die kompromisslose Vermarktung ihres Privatlebens bekannt wurde. Wenn sie mal eine Fehlgeburt haben sollte, dürfte ihr erster Notruf der RTL-Kamerabereitschaft gelten. Erst wenn der blutige Abgang im Kasten ist, kommt der Arzt an die Reihe...
Ihre (pardon) Hackfresse ist umgeben von zwei männlichen Buttergesichtern, die angesichts des Ariengeträllers zu Tränen gerührt sind. Zum Schluss faselt eine der beiden Nulpen Dinge wie „ach, das hat mich ja so sehr mitgenommen; ich weiß gar nicht, wie mir geschieht, so was habe ich noch nie erlebt etc. etc.“ und wischt sich theatralisch die Augen. Auch der Schwitzige beginnt zu heulen, während das Publikum frenetisch applaudiert und zu stehenden Ovationen ansetzt. Mir kommt angesichts dieser Überdosis miserabel gespielter Ergriffenheit das Essen hoch und ich muss weiterzappen.
Beispiel Drei: Kennt Ihr noch die Krawall-Talkerin Vera Int Veen? Jene unermüdliche Übergewichtige, die in ihrer täglichen Freakshow tief in die Unterwelten des Lumpenproletariats abgetaucht ist? Zurzeit moderiert – pardon: belabert – sie eine Sendung namens "Das große Abnehmen". Gemeint ist damit nicht das Niveau ihres Senders RTL oder gar ihr eigener geistiger Horizont. Vielmehr handelt es sich dabei um ein unsägliches Format, das im wesentlichen darauf beruht, ein paar armselige Dicke bereitwillig ihr Grund- und Menschenrecht auf Würde an RTL2 verscherbeln zu lassen. Zum Dank für diese Abtretung werden ihre wabbeligen Körper "oben ohne" einem sabbernden TV-Publikum präsentiert. Freakshow eben. Anstelle über nächtliche Alkoholverkaufsverbote nachzudenken, sollte die Politik lieber dort ansetzten, die Leute vor sich selbst und einer bösartigen Unterhaltungsindustrie zu schützen.
Doch da gibt es keinen Bedarf. Schließlich muss ja irgendwer die entsprechenden Regierungen an die Macht wählen. Und ob Rotgrün oder Schwarzgelb, alle haben sie eines gemeinsam: Sie bauen zivilisatorische Errungenschaften wie Demokratie, Menschenrechte, den Sozialstaat oder die vernünftige Abschätzung von Technologiefolgen ab. Back to the roots, Konservativismus als Regression – das Neandertal lässt grüßen. Und das Fernsehen steuert den Soundtrack dazu bei.
Wie dem auch sei, es gibt auch Gutes zu entdecken. Tom Jones hat ein neues Album herausgebraucht, das wohl recht gelungen ist. Zumindest habe ich drei Songs daraus gehört, die mir allesamt ganz gut gefallen haben. Wäre schön, wenn der Mann im Alter endlich die Qualität seiner Musik der seiner Stimme anpassen würde...
Wir von Liquid Sky haben diesen Balanceakt schon längst vollzogen und arbeiten zurzeit an einer Handvoll guter neuer Songs. Wie zu erwarten, waren die ersten Proben nach der Sommerpause ein wenig holperig. Langsam entwickelt sich aber wieder die nötige Routine, um Gigs anzuvisieren. Das wird in den kommenden Wochen dann auch unsere Hauptaufgabe sein: Gigs akquirieren und unser Repertoire erweitern. Parallel dazu suchen wir noch Verstärkung an Gitarre und/oder Keyboard. Mal sehen, ob das vergreiste Lübeck noch ein paar Talente freigibt...
Mit solidarischen und musikalischen Grüßen
Frank