Musikbrief September 2011


FS im Retro-Highend-Studio

Moin Fans, Sympathisanten und Musikfreunde!


Endlich! Es wurde aber auch sowas von Zeit, denn dieses Trauerspiel von Regensommer war ja einfach nicht mehr auszuhalten. Ab jetzt müssen wir uns nicht mehr ärgern, wenn es mal wieder aus Kübeln gießt und die Temperaturen tiefer fallen, als das Niveau der Springer-Presse. Denn es ist Herbst! Endlich, wie gesagt.

Im Gegensatz zur Niederschlagsmenge war der politische August recht unergiebig - zumindest für mich, denn ich befand mich im Urlaub. Und Urlaub heißt für mich auch immer Ausland (in diesem Fall Polen) sowie den totalen Stopp sämtlicher Infos aus der heimischen Welt. Im Urlaub möchte ich von der BRD nichts sehen öder hören, weder politisch, kulturell noch sonstwie. Ich mache stets einen weiten Bogen um meine Landsleute, bekomme einen Würgereiz beim Anblick deutscher Nummernschilder und bin beleidigt, wenn die polnische Speisekarte deutsche Untertitel trägt. Ich spreche sogar meine Sprache nicht, sondern setze Englisch ein, wenn meine Polnischbrocken nicht mehr ausreichen. So habe ich also einen wesentlichen Teil des politischen Tagesgeschehens nicht mitbekommen und bin mir sicher, eigentlich nix verpasst zu haben.

Und dennoch, zu einer ganz speziellen Angelegenheit möchte ich trotzdem meinen Senf abgeben, nämlich dem 50. Jubiläum des Mauerbaus, das am 13. August sogar mit einer bundesweiten Post-Kaltkriegs-Schweigeminute gefeiert wurde. Ein brisantes Thema, zu dem ich eine ganz spezielle Meinung habe - auch innerhalb unserer Band. Daher mache das mal nicht direkt, sondern in Form einer kleinen und wahren Anekdote:

Kurz vor dem Mauerjubiläum hörte ich eines verregneten Sonntagmorgens den Radiosender NDR-Info. Es war noch früh, denn das himmlische Geläut einer nahen Kirche hatte mich Atheisten aus meinen satanischen Träumen gerissen. Nicht mal eine Morgenlatte war mir vergönnt. Im Radio lief die Kindersendung "Mikado", und man wollte den Kinderchen zur Feier des Tages mal was über Erich Honecker erzählen. Natürlich ging es auch um die DDR, den Mauerbau und allerlei andere schlimme Sachen. Ganz ideologiekonform salbaderte die Sprecherin allerlei düsteres Zeug über den komischen Erich und seine komische DDR. Nichts Besonderes, könnte man meinen. Schließlich lässt die Legitimationskraft des Kapitalismus seit Jahren rapide nach und muss durch billige Propaganda der Sorte "Markt oder Mauer" gestützt werden.

Nun ist aber der NDR nicht RTL oder "BILD" und wird durch meine Gebühren mitfinanziert. Zudem ist "Mikado" eine Kindersendung, für deren Zuhörer kritisches Hinterfragen sowas wie eine zersetzende Fundamentalkritik an Dingen wie dem Hasen Hinkebein wäre. Um so mehr ging mir die Galle hoch, als man sich entblödete, die DDR in wenigen Worten als einen Staat zu beschreiben, der seine Bürger nur bespitzelt, unterdrückt und gegängelt habe. Mehr Infos gab′s nicht. Basta und Punkt.

Nun sieht für mich ein öffentlich-rechtlicher Bildungsauftrag ein wenig anders aus. Es sei denn, man verwechselt Bildung mit Propaganda. Oder meint, Propaganda gäbe es nur in Unrechtsstaaten und sei daher in einer Marktwirtschaft immer gleich Bildung. Endlich wach geworden, setzte ich mich an den Mac und beschwerte mich mit folgender Mail:


[...] Mal ehrlich, gleiches trifft doch auch auf die heutige BRD oder insbesondere die USA nach 9/11 zu - nur dass Überwachung und Bespitzelung zusätzlich zum Staat auch durch Industrieunternehmen vollzogen werden. Zugespitzt formuliert: Im früheren Ost-Berlin dürfte der öffentliche Raum weniger überwacht worden sein, als der des wiedervereinigten Berlin mit seinen Myriaden an CCTV-Kameras.

Auch den Redakteuren einer Kindersendung sollte bekannt sein, dass sich die DDR vor allem durch den Versuch ausgezeichnet hat, ein sozialistisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu etablieren - und zwar vor dem Hintergrund einer ganz spezifischen historischen Konstellation. Sozialistisch - auch das sollte den Redakteuren  vielleicht bekannt sein - bedeutet dabei nicht "das Böse per se", sondern ganz wertneutral die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und Überwindung der kapitalistischen Eigentums- und Ausbeutungsverhältnisse. Dass das in "technischer Hinsicht" teilweise recht mangelhaft implementiert wurde, steht dabei außer Frage, ändert aber nichts an den Kerninfos zur DDR.

Die DDR also ausschließlich mit einer Handvoll negativer Begriffe zu charakterisieren, grenzt vor allem in einer Kindersendung an gezielter Desinformation mit dem schalen Beigeschmack plumper Propaganda. Mit dem Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat das auf jeden Fall nichts zu tun - ganz im Gegenteil. Für derartige Schlechtleistungen sind mir meine Gebühren zu schade.[...]



Tschaka! Und voll rein inne Fresse! Ein paar Wochen später kam die Antwort aus der Redaktion. Und man hatte nicht nur meine Argumente nicht verstanden, sondern konnte sich immer noch nicht vom Duktus bürgerlicher Systempropaganda verabschieden. Hier ein Auszug (mitsamt Fehlern):


[...] In dieser Folge ging es - wie gesagt - um Erich Honecker und seinen Anteil am Bau der Mauer, nicht um das sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Trotzdem wurde mit keinem Wort behauptet, dass der Sozialismus "das Böse per se" ist. Ihre Formulierung, der Sozialismus in der DDR sei "in technischer Hinweis teilweise recht mangelhaft interpretiert worden, allerdings scheint mir angesichts der vielen politischen Gefangenen, Hinrichtungen, Toten und Verletzten an der Mauer und anderen Grenzen, der kompletten Abwesenheit von Meinungs- und Redefreiheit und der maroden Wirtschaft, unter der die DDR-Bürger zu leiden hatten, eine ziemliche Untertreibung der Tatsachen.

Unsere Autorin ist in der DDR aufgewachsen und hat an den Montagsdemonstrationen aktiv teilgenommen - sie weiß also durchaus, worüber sie schreibt.

Was die Überwachung im wiedervereinigten Berlin angeht: Ich denke nicht, dass man eine frühere Kameraüberwachung mit einer aktuellen Kameraüberwachung entschuldigen kann. Fakt ist: In der DDR ließ der Geheimdienst das eigene Volk bespitzeln - mit der Konsequenz, dass Unschuldige im Gefängnis landeten und Familien zerstört wurden. Und auch darin begründet der Unterschied zwischen heutiger Beobachtung und damaliger konsequenter Bewachung. Diese kann man beim besten Willen nicht als positiv auslegen.[...]



Mal sinngemäß übersetzt: Buääh, das stimmt aber garnicht. Wir haben nicht Desinformiert, sondern hatten bloß keine Zeit, präzise zu sein. Schließlich läuft Mikado ja im freien Westen, und nicht im Kommunismus. Propaganda gab es ja nur dort, wir aber klären auf! Und überhaupt, die DDR war trotzdem viel böser als Deutschland. Auch dann, wenn heute Geheimdienste, Polizei und Google tausendmal mehr herumschnüffeln und Kameras aufhängen. So! Und jetzt schicken wir dem Spatzier seine Mail mal an den Verfassungsschutz. Dann kann er nicht mehr in den Staatsdienst oder Karriere machen! Und bei uns kriegt der sowieso keinen Job, weil er das mit der Meinungsfreiheit in der DDR ja nicht so schlimm fand und das auch noch öffentlich gesagt hat! Dann kriegt er irgendwann Hartz IV und kann nicht mehr in den Urlaub fahren. Dann sieht er, wie das in der DDR mit der Reisefreiheit mal war. Und wird ständig vom Arbeitsamt bespitzelt. Dann weiß er mal, wie sich Stasi so anfühlt. Vielleicht trennt sich dann auch seine Frau von ihm, weil seine Kinder nichts mehr zu Beißen haben. Und dann stecken sie ihn in einen miesen Ein-Euro-Job als Kloputzer. Dann sieht er mal, was Arbeitszwang ist, der faule Hund! So wie beim Adolf! Da war es ja auch so, wie in der DDR, im Totalitarismus...

Kommen wir nun endlich zum musikalischen Teil. Eigentlich wollte ich was über Wacken schreiben, also das Heavy-Metal Festival in Schleswig-Holstein, und darüber, wie sehr diese ehemalige Subkultur nun in der Mitte der Gesellschaft an- und zu einer weiteren Nische der Popkultur verkommen ist. Und darüber, wie egal mir das eigentlich ist, weil ich die dumpfe Klischee-Theatralik und das machohafte Gehabe ihrer Nietenleder tragenden Protagonisten nie besonders zu schätzen wusste. Aber weil der politische Teil nun etwas lang geworden ist, erspare ich uns das mal.

Noch ein paar abschließende Worte zu Liquid Sky: Der August war Urlaubszeit für einige von uns. Daher fand nicht mal eine einzige Probe statt. Ich selbst hatte seit mehreren Wochen keine Gitarre mehr in der Hand und werde morgen (1.9.) mal wieder anfangen, ein paar Töne zu klimpern. Vielleicht wird ja ein neues Lied daraus!

Mit solidarischen und musikalischen Grüßen

Frank