Musikbrief September


Bandpluralismus: Nichtraucher vs. Raucher

Moin Fans, Sympathisanten und Musikfreunde!

Ein schöner Sommer geht zu Ende und haucht seine letzten warmen Tage aus. Wohl nicht nur für norddeutsche Verhältnisse können wir mit der diesjährigen Ausbeute an sonnigen Hitzetagen mehr als zufrieden sein. Gelegentlich ertappt man sich schon dabei, das ansonsten so ärgerliche Schietwetter herbeizusehnen, weil man dann endlich wieder dazu kommt, sich zuhause an den Schreibtisch zu setzen und zu arbeiten. Zu tun gibt es mehr als genug, doch wer will schon bei hochsommerlichen Temperaturen dröge in der Stube herumhocken und Lieder komponieren oder politische Kampfschriften verfassen? Eben. Und daher ist ab September Schluss mit Lustig - und es geht wieder frisch ausgeruht und gestärkt ans Werk.

Schluss mit Lustig ist auch am Ende des Monats, wenn neben dem Kieler Landtag der Bundestag neu gewählt wird - und das inmitten einer der veritabelsten Systemkrisen, die der Kapitalismus je erlebt hat. Doch obwohl große Ereignisse ihre Schatten bekanntlich weit vorauswerfen, ist es erstaunlich still im ereignisgebeutelten Land. Von erbittertem Wahlkampf fehlt jede Spur, und auch die zu anderen Zeiten vor-, pseudo- und nebenpolitisch aktiven Mitglieder der Künstlergilde glänzen diesmal eher durch das Halten ihrer Sprech- und Singorgane.

Bis auf eine Ausnahme: Trio. Das Staunen war groß, als die drei - pardon - Hackfressen der ehemaligen NDW-Combo ausgerechnet in einem Werbespot des Energieriesen RWE auftauchten und dieselben für "umweltfreundlichen" Atomstrom hinhielten. Kann man wirklich so blöd sein, wie sich tief fallen lässt? Oder waren die Herren Remmler und Krawinkel so abgebrannt, dass es nicht einmal mehr für den Morgenkorn reichte? Oder war es eher so, dass die Da-Da-Da-Tantiemen für derartige Mengen an Trinkethanol langten, dass die werten Herren heute tatsächlich glauben, der Welt einen Gefallen getan zu haben?

Die derzeitige Bundesregierung glaubt das vielleicht auch, nur hält sie den Willen der Wirtschaftslobby für den der Allgemeinheit. Und wenn diese das noch nicht wahrhaben will, reklamiert man schnell einen besonderen Draht zu einer höheren Wahrheit. Schützenhilfe dabei leistet neuerdings Tenzin Gyatso alias der Dalai Lama. Das exilierte religiöse wie weltliche Oberhaupt der Tibeter trifft sich in jüngerer Zeit besonders gerne mit rechtskonservativen Politkaspern wie George W. Bush, Angela Merkel oder Roland Koch. Nun ließe sich mit Bergprediger Jesus einwenden, dass nicht die Gesunden sondern die Kranken den Arzt brauchen, hätte der Dalai Lama auf seine alten Tage nicht die Marktwirtschaft für sich entdeckt. Im Chor mit gestandenen Marktapologeten sieht er in einer ethisch verantwortungsvollen Wirtschaft den Weg aus der Krise. Von Systemfrage keine Spur- so, als ob die Rückkehr zum ehrbaren Kaufmann alles wieder geraderücken würde, was uns als Folge eines desaströsten Casinokapitalismus zurzeit um die Ohren fliegt.

Egal. Was Roland Koch recht ist, kann Roger Cicero nur billig sein. Während sich ersterer vom Dalai Lama private Unterweisungen erteilen ließ, sang ihm zweiterer in Frankfurt ein Ständchen und freute sich über eine anschließende Privataudienz. Leute mit ein wenig Sinn für Geometrie sehen sodann einen wundersamen Kreis sich schließen, da die olle Angela Merkel offenbar auf die Musik des Popswingsäuselers steht. Und wie auf den Dalai Lama freute sich der Weichspülsänger auch auf sein Treffen mit Frau Merkel. Ein Schalk, wer Böses dabei denkt...

Doch zurück zur Wahl. Soll eine Band eine Wahlempfehlung aussprechen? Der DGB hat es gelassen, sollen wir dafür in die Bresche springen? Die Antwort ist ein politiktaugliches Jein. Zum einen findet Musik nicht im apolitischen Raum statt - zumindest wenn es sich nicht um reine Covermusik handelt. Jede Band verfasst ihre Lieder vor einem ganz besonderen politischen Hintergrund und reflektiert diesen - bewusst oder unbewusst. Und die verschärften Konfliktlinien während der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise schreien geradezu nach einer Stellungnahme durch Kunst und Kultur. Zum anderen ist eine Band wie Liquid Sky ein pluralistischer Organismus und jedes Mitglied hat seine eigenen politischen Vorstellungen. Und da uns hier der Draht zu einer höheren Weisheit fehlt, müssen wir die Vernunft bemühen.

Oder die Erinnerung, zum Beispiel an die Politmarketingkampagne "Du bist Deutschland", die vor wenigen Jahren eine verdrossene Bevölkerung wieder auf Kurs zu bringen versuchte - auf Kurs der herrschenden Ideologie, versteht sich. Unter ihren Unterstützern aus der Sprühstuhlfraktion der Kulturindustrie fanden sich so illustre Leute wie der nervtötende Jesusfreak Xavier Naidoo, TV- und Pop-Darstellerin Yvonne Catterfeld, Kriegssirene Sarah Connor oder der Brechschlagersänger Patrick Lindner. Übrigens alles Leute, die beim Musikriesen Sony-BMG unter Vertrag stehen, einer Tochterfirma des Bertelsmann-Konzerns, zu dem auch der flachgeistige Müllsender RTL gehört. Parallel zu seiner konzentrierten Medienmacht unterhält der Mediengigant potente Think-Tanks und Politikberatungsagenturen, die in Berlin direkten Einfluss auf Ministerien und Bundestagsabgeordnete nehmen. Hinter alldem steht die Familie Mohn und ihre Entourage, die ihre ganz speziellen Vorstellungen von der idealen Welt via Bertelsmann-Stiftung und angeschlossenem Medienkonzern umzusetzen versuchen. Da kann einem Angst und Bange werden, denn so sieht gezielte Massenmanipulation aus. Dass die Demokratie dabei auf der Strecke bleibt, wird wohlwollend in Kauf genommen.

Doch zurzeit ist die Propagandamaschinerie auffällig still. Weit und breit sind keine TV-Hackfressen, Pop-Trällerlisen oder Balltreter zu sehen, die dem Volk Durchhalte- und Mitmachparolen in die Köpfe hämmern. Der Grund liegt auf der Hand: Die Bevölkerung soll bloß nicht wachgerüttelt werden. Nicht auszudenken, wenn die Leute dahinter kämen, wer ihnen die aktuelle Krisensuppe eingebrockt hat und sie nun alleine auslöffeln lassen will. Man muss kein Fachmann sein, um zu erkennen, dass es die Politik der sogenannten bürgerlichen Parteien war, die die grundlegenden Vorraussetzungen dieser Krise erst geschaffen hat. Es wurde kräftig umverteilt; immer mehr Menschen zählten zu den Verlierern, während Gewinne, Renditen, "Eliten"gehälter und Börsenkurse in die Höhe schnellten. Nun ist das System an seiner eigenen Logik gescheitert und droht ganze Volkswirtschaften mit in den Abgrund zu reißen. Doch anstelle die Ursachen zu bekäpfen, belässt man es bei ein wenig Kosmetik, pumpt aberwitzige Milliardenbeträge aus Steuergeldern in eine marode Wirtschaft und versucht ansonsten, alles beim Alten zu belassen und bloß kein Aufsehen zu erregen.

Die Menschen indes scheinen garnicht so recht mitzukriegen, was um sie herum geschieht. Irgendwie ahnen sie vielleicht, dass die Zeiten schlechter werden. Noch kann man sich mit einem neuen Flachbildschirm, dem Gelaber des TV-Roboters Günther Jauch oder einem neuen Auto aus der Abwrackprämie ins heile Private retten. Doch auch die letzen Bastionen des Rückzugs bröckeln. Die Abwrackprämie ist die Tage ausgelaufen und irgendwann lassen sich auch die gigantischen Haushaltslöcher nicht mehr vertuschen, die aus der Sozialisierung der Verluste entstanden sind - bei weiterhin privatisierten Gewinnen, versteht sich. Da liegt auf der Hand, weshalb man jede Mobilisierung vermeiden möchte. Bloß keinen schlafenden Tiger wecken, lautet die Tagesparole in den zuständigen Propagandaabteilungen. Und wenn die neoliberal-bürgerliche Einheitspartei am 27. September wieder eine Regierungsmehrheit bekommt, wird man sich vor lauter Entlassungswellen und Haushaltskonsolidierungen landauf landab die Augen reiben. Man muss auch kein Hellseher sein, um zu ahnen, wer dann die Zeche für das Versagen von Politik und Wirtschaft wiedermal zahlen wird. Vielleicht wird es spätestens dann Zeit für eine alternative Politmarketingkampagne mit dem Titel "Du bist die Revolution..."

Nach diesem wegen der anstehenden Bundestagswahl mal sehr politischen Musikbrief noch ein paar Worte zu den musikalischen Plänen von Liquid Sky im beginnenden Herbst 2009. Für uns wird es unbedingt wieder Zeit, die Musikbühnen zu entern. Wir werden daher in den kommenden Wochen die Veranstalter in der Region beehren und hoffen natürlich, Euch in Bälde neue Gigtermine präsentieren zu können. Zusätzlich haben wir ins Auge gefasst, unser Repertoire auch in einer akustischen (will heißen: unplugged) Version einzuüben, um flexibler in der Auswahl der Auftrittsorte und -formen zu sein. Neue Songs und Ideen stehen auch schon auf unserer Liste, so dass es in der kommenden Zeit mit Elan, Verve und Spielfreude in die Konzertsaison geht!

Bis dahin! Und macht am 27. Euer Kreuz an der richtigen Stelle!

Mit musikalischen und solidarischen Grüßen

Frank