Musikbrief Oktober 2011


FS am Vortag des Tages der Deutschen Einheit beim Verfassen dieses Musikbriefes

Moin Fans, Sympathisanten und Musikfreunde!


Nein, unser schönes Parlament! Oh weh oh weh oh weh, wer hätte das je für möglich gehalten?! Unser gelobtes Hohes Haus, nun vollends entlarvt als Hort der Heuchler. Von wegen Hort der Demokratie! Irgendwie spüren wir ja schon seit Längerem, dass es damit bergab geht. Und zwar rapide. Trotzdem läuft der parlamentarische Betrieb bisher recht reibungslos, und selbst ein Wolfgang Schäuble findet im Bundestag noch sein warmes Logenplätzchen. Klar, irgendwie geht er offiziell noch als Demokrat durch. Zwar gerade so, aber den Parlamentariern scheints zu reichen.

Ganz anders Herr Josef Ratzinger alias Benedikt der Soundsovielte. In seiner Funktion als Papst und Chef des Vatikanstaats ist er der absolutistische Herrscher eines quasi-totalitären Kirchenregimes. Also praktisch das genaue Gegenteil eines Demokraten. Intellektuell verkörpert er den kruden Mix aus einer vorvorgestrigen Weltsicht in Kombination mit einer komplett irrationalen Glaubenslehre. Und das ist - genau, gut geraten! - so ziemlich Gegenteil eines vernünftigen Menschen.

Was soll man also davon halten, wenn so jemand vor dem Bundestag reden darf? Wenn die Mehrheit unserer Parlamentarier diesen greisen Kirchenfürsten mit stehenden Ovationen abfeiert? Ein Parlament huldigt einem Antidemokraten und verspottet damit genau jene demokratischen Prinzipien, denen es verpflichtet ist. Und merkt es nicht einmal. Oder vielleicht doch? Und findet es eigentlich gar nicht mal so schlecht...

Deutschland ist ein säkulares Land, Staat und Kirche sind getrennt. So ist es verfassungsrechtlich festgeschrieben. Doch Papier ist geduldig und die Praxis etwas komplett anderes. Noch immer muss man aktiv aus der Kirche austreten, noch immer zieht der Staat die Kirchensteuer ein und unterstützt die christlichen Kirchen großzügig mit Steuergeldern. Auch mit meinen. So trage selbst ich Atheist dazu bei, dass irgendein halbdementer Prälat auf seine nächste goldbestickte Soutane sabbern kann.

Auch sind öffentliche Verwaltungen und kirchliche Institutionen oft so intim verbandelt, dass von Trennung keine Rede sein kann. Daran werde ich immer wieder erinnert, wenn mich die Glocken des nahen St. Philippus - Kirchturmes aus dem Bett läuten. Auf meinen Beschwerdebrief an den Pastor kam die Antwort, dass der Glockenlärm irgendwelchen städtischen Verordnungen entspreche. Recht auf Ruhe und positive Religionsfreiheit (die Freiheit, nicht von der Religionsausübung anderer belästigt zu werden)? Pustekuchen. Willkommen im Gottesstaat light.

Verlassen wir nun die Sphäre des Politischen und begeben uns hernieder in den Sumpf der Unterhaltungskultur. Was der olle Ratzinger leider noch nicht geschafft hat, ist der US-amerikanischen Band R.E.M nun endlich gelungen: sie hat abgedankt. Schade isses nicht drum, denn kaum eine andere Musikgruppe wurde in der Vergangenheit so systematisch überschätzt, wie die Vier aus Athens. Gewiss, das ein oder andere leidlich gute Lied war dabei (mein Favorit: Shiny Happy People, aber nur wegen Kate Piersons Gastauftritt). Auch haben R.E.M. den Bänkel- und Straßensängern dieser Welt mit "Losing my Religion" eine Universalwaffe in die Hände gegeben, die sie uns ohne Rücksicht auf Verluste millionenfach in die Ohren klampfen konnten. Das wird leider auch nach dem Ende der Band nicht aufhören. Unsterblichkeit kann mitunter sehr lästig werden.

Auch noch nicht tot und über die Maßen lästig ist der Meister der Likörelle, Udo Lindenberg. Seine halbbedröhnte Art zu Sprechen nervt mindestens genauso, wie sein krampfhaft jugendlich-infantiles Vokabular. Und das seit Jahrzehnten. Zumindest hat er seit dem "Sonderzug nach Pankow" eindrücklich bewiesen, wie wenig sich angemaßter Anspruch und persönliches Auftreten entsprechen müssen. Nun hat er sein doch recht umfangreiches Repertoire für den Dudelsender MTV zur Unplugged-Version gestutzt, darunter auch so überflüssiges Zeug wie "Cello" oder das Beatles-Cover "Reeperbahn". Im Grunde braucht das niemand - ob mit oder ohne Stecker.

Zu guter Letzt noch eine kleine Bemerkung zu einer Sache, die zurzeit enorm grassiert. Die Rede ist von Musik, die speziell auf die mentalen Belange einer jungen und gesellschaftlich angepassten Generation zugeschnitten ist, die qua Berufstätigkeit und sozialer Kontakte mitten im bürgerlichen Spießerleben steht. Musik, die speziell für die Problemchen, Sichtweisen und Bedürfnisse von Leuten designt wurde, die nichts dabei finden, einen Herrn Ratzinger vor dem Bundestag herumsalbadern zu sehen. Nennen wir es mal "Lebenswelt-Musik", was da von verschiedenen Formatradio-Sendern im Powerplay in den Äther geblasen wird und die Zielgruppe davon abhalten soll, kritische Gedanken zu ihren Lebenstretmühlen zu entwickeln. Bestes Beispiel: " Nur kurz die Welt retten" von Tim Bendtzko. Der Soundtrack zum fortgeschrittenen Kapitalismus. Beides bitte abschalten. Aber endgültig!

Werfen wir abschließend noch einen kleinen Blick hinter die Kulissen von Liquid Sky. Die Urlaubszeit ist nun endgültig vorbei und der Probenbetrieb ist wieder in vollem Gange. Zurzeit arbeiten wir an einigen neuen Songs und sind insgesamt hochmotiviert. Wenn alles gut läuft, werden wir uns sicher auf einer der Lübecker Live-Locations begegnen! Also, immer dranbleiben und auf unsere Website gucken! Und lasst um alles in der Welt die Radios ausgeschaltet...

Mit solidarischen und musikalischen Grüßen

Frank