
Ein Ständchen für den Herbst
Moin Fans, Sympathisanten und Musikfreunde!
Sie sind mitten unter uns. Besonders jetzt, im wolkenverhangenen Zwielicht des Herbstes, kann man sie wieder besonders gut sehen - die Untoten. Es ist wieder Zeit der gespenstischen Prozessionen schemenhafter Körper im frühmorgendlichen Nebel feuchter Sümpfe, die Zeit des irrlichtgleichen Flackerns aus toten Augenhöhlen bleicher Gestalten, die mit vorgestreckten Armen und herunterhängenden Fetzen verwesenden Fleisches über totenstille Felder staksen. Wenn alles Leben zu einem Stillstand zu kommen scheint und der brackige Gestank des Todes jeden Lebenswillen lähmt, lassen die Untoten das Steuerrad ihres Totenschiffes durch die skelettierten Hände gleiten und laden uns ein zu einer finalen Butterfahrt. Und wir gehen nur allzu gern an Bord, gelockt von den Verheißungen billigen Jahrmarktrummels, klebriger Zuckerwaren und bunten Blendwerks, angezogen wie die Fliegen vom todbringenden Licht einer rostigen Tranfunzel auf den Steinen einer ewig geöffneten Gruft.
Michael Jackson ist einer von ihnen. Erst kürzlich aus dem Leben geschieden, wandelt er wieder mitten unter uns - diesmal in Form von Tonnen biografischen Materials aus den Federn fleißiger Chronisten, Spieljahren unveröffentlichter Songs aus den tiefen Kellern seiner Neverland-Ranch und einem brandneuen Film. Doch schaut man hinter die disneybunte Plastikfassade und schärft seinen Blick für die Eigenheiten zombiehafter Ghouls, vermischen sich schnell Zweifel mit kalten Schauern blanken Entsetzens. Weder die triefend kitschige Trauerfeier, bei der sich das Who is Who der US-industriellen Pop-Soul-Musiksülze ein Stelldichein gab und ein kleines Kind als i-Tüpfelchen pathetischer Schwülstigkeit missbraucht wurde, noch das geheiminskrämerische Getue um seine Beerdigung, konnten darüber hinwegtäuschen, dass Leben und Tod für Jacko nur flexible und keineswegs distinkte Zustände waren, zwischen denen er moonwalkend umhertänzelte. Was da wirklich im zinkenen Promisarg im Forest Lawn Memorial Park eingegruftet wurde, wir wissen es nicht. Sein Gesicht dürfte sich jedoch selbst im Zustand fortgeschrittener Verwesung wenig von dem unterscheiden, was wir von unzähligen Konzert- und Pressefotos her kennen. Und das sollte uns stutzig machen. Lebte er wirklich, bevor er starb? War er wirklich tot, nachdem er aus dem Leben schied?
Antworten auf diese Fragen erhalten wir vielleicht aus dem Film "Michael Jacksons’s This Is It" und dem dazugehörigen Soundtrack, der als Doppel-CD Ende des Monats erscheint und den Sony-Bossen weitere Milliardenumsätze bescheren wird. Darauf sollen dem kaufkräftigen Teil der Weltbevölkerung unveröffentlichte Versionen der hinlänglich bekannten Hits sowie ein komplett neuer Song plus ein von Jackson fistelstimmig vorgetragenes Gedicht angeboten werden. John Mc Clain, seines Zeichens Co-Produzent des Kommerzartikels, bezeichnete Jackson euphemistisch als "Gottesgeschenk" und erweckte so Assoziationen an den berühmtesten Untoten aller Zeiten: Jesus von Nazareth, nach christlicher Lesart auch eine Art Geschenk an die von der Erbsünde gebeutelte Menschheit. Dessen Biografen und Anhänger sind bis zum heutigen Tage von seiner posthumen Lebendigkeit überzeugt, müssen aber mangels brauchbarer Tonträger auf eher sperrig-barocke Huldigungsrituale zurückgreifen. Da ist die Jacko-Gemeinde klar im Vorteil, denn wenn die Münze in Sonys Kasse klingt, die Seele in den Himmel springt. Und wo die CD im Player sich dreht, er mitten unter Euch steht. Da kriegt man selbst als Erwachsener wieder Angst im Dunkeln...
Angst und bang kann einem auch angesichts der letzten Bundestagswahl werden, nach der sich nun das Schwarz der Konservativen mit dem Gelb der Liberalen zu einer fahl-grauen Leichenblässe des auferstandenen Rückschritts vermischen wird. Man muss beileibe kein übersinnlich begabtes Medium sein, um den eiskalten Hauch des Untoten zu spüren, der durch die Lande weht - es genügt, einfach nicht zur "bürgerlichen Mitte der Gesellschaft" zu gehören. Übrigens auch etwas, das mittlerweile so sehr zerfallen ist, dass es im Grunde garnicht mehr existiert und mit gebetshaften Formeln aus den Gräbern gelockt werden soll. Doch diesen entsteigen nur schemenhafte Illusionen, die offenbar körperlich genug gewesen sind, um Kreuzchen auf Wahlzettel zu kritzeln. Und während nun die Gesichter der Spitzenkandidaten auf den Wahlplakaten im Herbstwind zu verwesen scheinen, verwest mit ihnen auch jede noch so kleine Hoffnung auf Besserung und Fortschritt. Das Totenschiff hat Kurs genommen - oder wie sonst ist es zu erklären, dass ausgerechnet ein Wirtschaftssystem, das sich besonders in der jüngsten Vergangenheit als kompletter Murks herausgestellt hat, durch die Wahl bestätigt wurde? Dass ausgerechnet eine Partei, die die Parolen des gescheiterten Neoliberalismus mantraartig herunterbetet, in die Regierung gewählt wurde? Verkehrte Welt? Nein, nur die der Untoten.
Wenn man im Zwielicht eines Herbstabends schräg von der Seite auf eines dieser Merkel-Wahlplakate schaut, meint man zuweilen, unter ihrer hölzernen Grinsefratze einen ledrigen Mumienschädel hervorkommen zu sehen. Das darunter prangende Wörtchen "Zuversicht" erhält dann eine komplett neue Bedeutung, denn Zuversicht braucht es nun wirklich, um die kommende Zeit unbeschadet zu überstehen.
Möglicherweise gibt es auch Leute, die Liquid Sky für eine untote Band halten - doch denen sei gesagt, dass wir lebendiger sind, denn je. Am 10. Oktober veredeln wir erstmal eine Geburtstagsparty, die in einer großen Scheune nahe Dassow im schönen Mecklenburg stattfindet. Ein guter Anlass, um ein paar neue Stücke einem dann hoffentlich begeisterten Publikum zu präsentieren. Dieser privaten Feier sollen und werden dann öffentliche Auftritte in den einschlägigen Locations in und um Lübeck folgen. Außerdem steht die Arbeit an neuem Ton- und Videomaterial an, das zugegeben längst überfällig ist. Parallel dazu prüfen wir als ausgeprägt technikaffine und multimediale Band, ob es möglich ist, unsere Proben via Livestream ins Internet zu übertragen, so dass Ihr daran in Echtzeit teilhaben könnt. Das wäre eine tolle Sache, doch ob uns das gelingen wird, wissen wir noch nicht. Wir halten Euch aber über alles auf dem Laufenden! Daher: Immer schön unsere Website besuchen, denn es wird viel passieren!
Mit musikalischen und solidarischen Grüßen
Frank