Musikbrief November


Ein schöner Herbsttag in Vejlby (Foto: Vielen dank an Claudia Santamaria!)

Moin Fans, Sympathisanten und Musikfreunde!

Wenn im Herbst das Laub von den Bäumen fällt und sich einstmals grüne Bäume in graue Skelette verwandeln, wenn mal wieder ein Jahr von vielen seinem Ende entgegen eilt und man sich einmal mehr fragt, wo denn die Zeit geblieben sei, besteht kein Zweifel daran, dass das Alter auf leisen Sohlen herbeigeschlurft kommt. Noch scheint der Sensemann in weiter Ferne, doch mulmige Gefühle geraten beim Beobachten der Welt zum Dauerzustand. Der Blick in den Spiegel verheißt nichts Gutes und der Körper erlernt die Sprache des Zerfalls. In Wirtschaft, Medien und Politik tummeln sich unreife Jungspunde, die das erste mal ihren Stuhlgang zu kontrollieren gelernt hatten, als man selbst bereits routiniert komplexe Probleme zu lösen wusste.

Aber man ist derselbe geblieben. Derselbe pubertäre Querkopf, nur eben verpackt in einem Körper, der von jungen Leuten nun distanziert gesiezt wird. Was zuweilen hämisch wirkt, wenn sich dahinter das Wissen über die unwiderruflich verlorene Zeit zu verbergen scheint. Denn Altern bedeutet, weniger Zeit zu haben, um Pläne zu verwirklichen, die Welt zu verändern oder die verhasste Regierung zu stürzen. Was man bis heute nicht geschafft hat, verblasst mehr und mehr im Nebel des Illusorischen und hinterlässt das bittere Gefühl schuldhaften Versäumens. Parallel dazu verwandelt sich das abstrakt Unabwendbare in eine handfeste Bedrohung. Wir erkennen hinter dem Respekt vor dem Alter nur noch das Mitleid vor der greifbar gewordenen Endlichkeit der eigenen Existenz, die uns im wahrsten Sinne des Wortes temporär mittellos werden lässt.

Aber Altern ist auch Entwicklung. So sehr man noch derselbe Mensch von früher ist, so sehr hat man sich auch von diesem Persönlichkeitskern entfernt, dessen Signale zwar immer noch die seelische Außenhaut erreichen, aber immer stärker von den Jahresringen der Alltagserfahrungen abgeschwächt werden. Im Idealfalle verläuft diese Entwicklung progressiv, d.h. man kumuliert allerlei Informationen, wertet sie aus und gewinnt als mentales Destillat einen soliden Fundus an wertvoller Lebenserfahrung. Zumindest theoretisch, denn leider verläuft dieser Prozess bei vielen unserer Zeitgenossen in umgekehrter Richtung ab. Anstatt sich aus den Widrigkeiten und Freunden des alltäglichen Seins sukzessive einen belastbaren Wissensschatz aufzubauen, flüchten sich viele in die mannigfaltigen Formen des Eskapismus und kombinieren ihren körperlichen Zerfall mit mentaler Regression. Manche verelenden dann vor dem Kommerz-TV, wählen konservative oder liberale Parteien oder finden zu Gott. Andere beenden ihr Leben vorzeitig in einer spießig-resignativen Endlosschleife, während der Rest seinen destruktiven Zerfall zum Programm erhebt und bierbäuchig-grölend zelebriert.

In der Musikwelt lassen sich ähnliche Facetten des Alterns beobachten. So zum Beispiel glotzen uns derzeit die geschminkten Augen Alice Coopers von den Werbeplakaten der Elektronikkette Saturn entgegen. Vor einigen Wochen steckte ich sein neustes Album "Along Came a Spider" in den Player, wo es keine drei Minuten verweilte. Ein Song einfallsloser als der nächste, und über allem klebte der gepresste Gesang Vincent Damon Furniers. Das Ganze war so mies, abgedroschen und langweilig, dass es nicht einmal für eine Rezension in Frage kam. Cooper macht eben, was viele gealterte Berufsmusiker tun, nämlich das, was immer geklappt hat. Längst zu einer Marke geworden, vermeiden sie alles, was ihrem Markenimage widerspricht und die Käufer vergrätzen könnte. Auf der Strecke bleiben Innovativität und Authentizität, denn wer nimmt dem faltigen Krächzopa noch das pubertäre Kunstbluttheater ab, das er inszeniert? Nebenbei bemerkt, ist der gute Mann privat ein gläubiger Christ, der jeden Sonntag brav in die Kirchhe tapert. Dort kann man den frommen Schockrocker von nebenan dann schwülstige Choräle schmettern hören.

Ähnliches gilt für die meisten altgewordenen Rockstars, die sich nicht trauen, auch nur ein Jota von ihrem kommerziellen Erfolgsrezept abzukehren. So wie etwa AC/DC, die seit Jahrzehnten nur noch geringfügige Variationen eines einmal etablierten Standardthemas zum besten geben. Kennt man ein Lied, kennt man alle - wozu also die mühselig vom Bieretat abgesparte Kohle in ein neues Album investieren? Höchstens um festzustellen, dass Brian Johnson zunehmend Schwierigkeiten in den höheren Tonlagen bekommt. Das ist dann aber auch schon alles, was als nennenswert Neues auszumachen ist.

Andere wiederum sind zwar mutig und experimentieren ein wenig, stellen dann aber um so deutlicher ihre musikalischen Unzulänglichkeiten zur Schau. Schönes Beispiel: Lou Reed. Der überzeugte eigentlich noch nie durch musikalisches Können, abgesehen vielleicht mal von einer kurzen Phase Anfang der 1970-er Jahre. Seine Fingerfertigkeiten auf der Gitarre entsprechen denen durchschnittlicher Peter Bursch Leser, seine Stimme deckt mit Not eine halbe Oktave ab und seine Kompositionen geraten nur allzu gern in bedrohliche Nähe zur Fahrstuhlmusik. Von ihm stammt angeblich die Aussage, dass es gar nicht so leicht sei, gleichzeitig Gitarre zu spielen und zu singen. Das ist so, als behaupte ein Berufskraftfahrer, koordinative Schwierigkeiten beim Schalten während des Lenkens zu haben. Der Mann war halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort und konnte seine Kritiker bis heute dazu bringen, ihn systematisch zu überschätzen. Wer seine aktuelleren Auftritte begutachtet (YouTube, die Kohle kann man sich sparen), kann einem alten Mann beim Dilettieren an seinen eigenen Grützsongs zusehen. Wirklich gar nicht so leicht, das mit der Gitarre und dem Singen....

Besser hat es da schon Iggy Pop alias James Osterberg gemacht, wenn auch trotzdem nur wenig überzeugend. Noch vor Kurzem tingelte er mit seiner früheren Detroitsound-Combo The Stooges durch die Gegend und krakelte zum kaum mittelmäßigem Geschrammel seiner alten Kumpanen. Sicher waren er und seine (damals) halbkriminellen Mannen Ende der 1960-er Jahre stilbildend wie kaum jemand anderes für die Rockmusik. Ohne den aggressiven Detroitsound, der den peacigen Flower-Power-Visionen die gnadenlos destruktive Härte der urbanen Realität ausgegrenzter Underdogs entgegensetzte, wäre etwa der Heavy Metal kaum möglich gewesen. Doch trotz aller Verdienste ist früher früher und heute eben heute. Was damals innovativ und lebensweltlich sinntragend war, kann heute wie schlechter Schülerbandkrach daherkommen. Was besonders peinlich wirkt, wenn dieser von Leuten jenseits der 60 vorgetragen wird. Herrn Osterberg ist das wohl auch gedämmert und er hat das Steuer herumgerissen - nur eben ein paar Strich zu weit. Jetzt trällert er französische Chansons - aber immer noch mit nacktem Oberkörper und dem Habitus des ach so wilden Rock-Schreihalses. Das alles ist eher langweilig als interessant und will auch irgendwie nicht so richtig zusammen passen. Aber wir wollen ihm zugestehen, sich bei allem ernstgemeinten Willen zum Wandel nicht allzu weit von seinem Markenimage fortbewegen zu wollen. Von irgendwas muss schließlich auch ein Herr Pop seine Villa in Miami im Alter noch unterhalten können. Auf den Versuch kommt es schließlich an. Auch wenn der in die heruntergelassene Hose gegangen ist.

Tom Waits macht es da eine Spur geschickter. Als er Ende der 1980er Jahre seinen kreativen Zenit überschritten hatte, spannte er seine Gattin Kathleen Brennan als Co-Autorin und Produzentin seiner Songs ein. Seitdem klingt bei ihm alles irgendwie gleichförmig, überraschungslos und vermag nicht mehr so recht zu überzeugen. Nun bröckelt sein mühselig aufgebautes Bar-Melancholiker Image, und auch seine Stimme hat er sich angeblich so nicht hingesoffen, sondern von irgendeinem seiner Onkels schlicht abgekupfert. Seit Jahren hat der Gute keinen Alkohol mehr angerührt, keine Kippe mehr gequalmt und führt ein eher gewöhnliches Familienvaterleben. Nun ist's Essig mit dem Markenimage und Herr Waits tut das einzig Richtige - er zieht sich zurück. Nicht ganz so konsequent wie Michael Jackson, aber immerhin...

Auch an den Musikern von Liquid Sky geht die Zeit nicht spurlos vorüber. Wie alle anderen Menschen altern auch wir, selbst wenn man uns das nicht unbedingt anmerkt. Doch unser musikalischer Erfahrungsschatz wächst und wächst, schließlich haben wir musikhistorisch wichtige Epochen wie Wave, Punk oder die Neue Deutsche Welle hautnah und lebensweltlich authentisch kennen gelernt. In unseren Songs beziehen wir Stellung zu diesen Einflüssen und versuchen, etwas Neues und Innovatives zu schaffen. Sicher können auch wir das Rad nicht neu erfinden, dafür aber jede Menge Spaß mit interessanten Neuentwicklungen haben.

Wie zum Beispiel am 10. Oktober auf der Geburtstagsfeier von Dirks ehemaligem Vermieter Frank. Diese zelebrierte er in einer Scheune bei Dassow (Mecklenburg) und ließ uns zum Tanze aufspielen. Ein zunächst gewagtes Unterfangen, denn als Alternative-Rock-Combo sind wir sicher keine Stimmungskanonen der Marke Fiesta Mexicana. Und auch das Schleswig-Holstein-Lied findet sich nicht in unserem Repertoire. Trotzdem gab es keine Klagen. Es hat im Gegenteil sogar allen Beteiligten jede Menge Spaß gemacht, den Gästen, Gastgeber Frank und ganz besonders auch uns.

Wir werden den November speziell dafür nutzen, neue Songs einzustudieren und vor allem Gigs in der näheren und weiteren Region zu akquirieren. Wie alles auf dieser Welt werden zwar auch älter, aber das Altenteil muss noch lange warten. Sehr, sehr lange.

Mit solidarischen und musikalischen Grüßen, diesmal aus Vejlby / Nordwest-Jytland (DK)

Frank