
Tristesse im Februar (Schlutup, beim Probenraum)
Moin Fans, Sympathisanten und Musikfreunde!
Musikbrief März
Tristesse, nichts als Tristesse. Der Februar zählt naturgemäß zu den ödesten Monaten des Jahres und zieht sich jedes Mal wie ranziger Kaugummi. Da hilft es nicht einmal, dass er die wenigsten Tage besitzt. Daran konnte in diesem Jahr weder das organisierte Massenbesäufnis- und Spießer-Bespaßungs-Event Karneval etwas ändern, noch die geballten Skandale, Peinlichkeiten und Unverschämtheiten aus der Kaste unserer Berliner Politnarren. Und dass insbesondere einer aus ihren Reihen die Narrenkappe überhaupt nicht mehr vom Hohlkopf zu kriegen scheint, zeigt letztlich nur, wie sehr die schwarzgelbe Koalition zum Sammelbecken politischer Unkultur, dummdreister Hasardeure und Priestern der sozialen Spaltung verkommen ist. Aber eigentlich ist das alles nichts Neues. Man könnte sogar sagen, dass Schwarzgelb trotz aller peinlichen internen Zwistigkeiten zu sich selbst gefunden hat.
Man kennt das Spielchen aus billigen Krimis: der böse Cop pöbelt bedrohlich herum, während ihn der gute Cop zurechtweist und die Situation entschärft. Letztlich aber wird der Missetäter dingfest gemacht und das Ziel erreicht. Ganz ähnlich das Schauspiel der vergangenen Wochen. Ein wachsgesichtiger FDP-Vorsitzender trampelt auf den Schicksalen von Millionen Hartz-IV Beziehern herum und fordert eine generelle "Debatte" über den Sozialstaat. Seine verbalen Entgleisungen folgen in ihrer ganzen Bösartigkeit und Realitätsferne einer perfiden Taktik und setzen eine Kampagne fort, die Roland Koch im Januar ins Leben gerufen hat. Flankiert von den Massenmedien, allen voran den Brüllformaten aus den Häusern Springer und Bertelsmann, fragt sich nun eine so verunsicherte wie manipulierte Bevölkerung, ob man sich angesichts leerer Staatskassen einen Sozialstaat überhaupt noch leisten könne.
Keine Rede mehr von der Wirtschafts- und Finanzkrise. Keine Rede mehr von den Abermilliarden, die eine wirtschaftshörige Bundesregierung in Sekundenschnelle manisch gewordenen Banken praktisch ohne Gegenleistung in die fetten Hintern gepustet hatte. Keine Rede mehr von der dringend notwendigen Neuordnung des Finanzverkehrs sowie der Kontrolle der Banken und ihrer Finanzprodukte. Keine Rede mehr davon, die eigentlichen Verursacher der maroden Staatsfinanzen zur Verantwortung zu ziehen. Dafür aber eine beispiellose Hatz auf die Schwächsten der Gesellschaft, auf die Opfer eines verantwortungslosen Wirtschaftssystems, das die Welt immer tiefer und gründlicher spaltet.
Den guten Cop gibt indes eine sich fromm zurückhaltende Kanzlerin, indem sie so tut, als pfeife sie ihre wildgewordenen Bluthunde zurück. Das beruhigt die Leute, doch die Katze ist aus dem Sack. Das Ziel ist erreicht, die Taktik aufgegangen: in der öffentlichen Diskussion redet keiner mehr von den Verfehlungen der Finanzjongleure und dem Schaden, den sie dem Gemeinwesen zugefügt haben. Vielmehr beinhaltet die öffentliche Diskussion bereits die Antwort auf die Frage, wen die politischen und wirtschaftlichen Machthaber für die Misere zahlen lassen wollen - nämlich die, denen es ohnehin schon am schlechtesten geht. Chapeaux! Ein Meisterstück der Massenmanipulation, geschmiedet von einer Kooperation aus mächtigen Interessengruppen, Medienkonzernen und ihren wissenschaftlichen Helfershelfern. Ideologische Propaganda par excellence.
Man muss also nicht homophob sein, um sich vor Herrn Westerwelle zu ekeln. Man muss auch kein verquerer Staatsfeind sein, um die aktuelle Verbandelung von ökonomischer und politischer Macht abzulehnen. Und man muss kein weltfremder Utopist sein, um die gegenwärtige Entwicklungsrichtung unserer Gesellschaft als gefährlich und falsch zu beurteilen. Für all das genügt vielmehr eine gute Portion Vernunft und ein gesunder Menschenverstand - nicht mehr und nicht weniger.
Deutliche politische Worte für einen monatlichen Musikbrief, doch der Anlass war triftig - schließlich ist Politik über die Politische Kultur mit der Musik entfernt verwandt. Auch in musikalischer Hinsicht setzte die angesprochene Februar-Tristesse einige Akzente. So bietet uns Peter Gabriel die Gelegenheit, den Unterschied zwischen Tristesse und Langeweile an zähen Orchesterücken studieren zu dürfen. Auf seinem neuen Album "Scratch My Back" geigt, zirpt und klimpert es mit einer derartigen Gemächlichkeit, dass der Griff zur Schlaftablette überflüssig wird. Vielleicht war es ein überraschender Schub Altersschwäche, der zu dieser gähnenden Sammlung musikalischer Seditativa geführt hat. Vielleicht ging es aber auch einfach nur um eine dumme Wette, wer es schafft, Songs anderer Leute in der jeweils langweiligsten Interpretation zu covern. Die hat der 60-jährige Brite nun sicher in der Tasche, und "Scratch My Back" fügt sich passgenau in den tristen Spätwinter ein.
Auch von Johnny Cash wurde posthum eine neue Platte veröffentlicht, und zwar die sechste Ausgabe der "American Recordings" namens "Ain′t No Grave". Auch hier werden wieder allerlei Songs der neueren Pop- und Rockgeschichte durch eine minimalisierte Country-Mühle gedreht, wobei der Mittelpunkt stets Cash brüchig-präsente Stimme bildet. Besonders interessant ist das alles nicht, hörenswert auch nicht unbedingt - außer, man legt wert auf das Wissen, dass Cash all die Coversongs in der Vorahnung seines eigenen Todes ins Mikro geknurrt hat. Und damit wird "Ain′t No Grave" zum unverzichtbaren Accessoire morbider Friedhofsparties, herbstlicher Suizidfantasien oder eben trister Februarsdepressionen.
Und damit hätten wir auch schon ein prima Stichwort für den letzten Abschnitt dieses Musikbriefes, dem Treiben und Schaffen unserer Band. Nennenswertes ist in den vergangenen vier Wochen nämlich nicht passiert, außer einem leicht reduzierten Probenbetrieb. Das wird sich selbstredend ändern, denn es steht nicht nur der Frühling vor der Tür, sondern auch ein neues Repertoire. Weil wir Euch auf dieser Website endlich mal wieder ein paar neue Liquid Sky Songs anbieten möchten, stehen zurzeit alle Zeichen auf Musikaufnahme. Dazu haben wir den Proberaum entsprechend verkabelt und Joachim hat seine E-Drums aufgebaut, die sich ohne komplizierte Mikrofonierung direkt ins Pult übertragen lassen. Wäre doch gelacht, wenn wir da keine tollen Aufnahmen hinbekämen!
Ebenso geht es Anfang März wieder an die Akquise von Gigs, damit wir im Frühjahr präsent sein können. Zudem wird es ein paar Änderungen in unserer Außendarstellung geben - also immer schön am Ball bleiben und die Website verfolgen!
Mit solidarischen und musikalischen Grüßen
Frank