
In den heiligen Hallen des Übungsraumes (Ende Mai 2010)
Moin Fans, Sympathisanten und Musikfreunde!
Deppendämmerung, erster Akt, erster Aufzug. Angetrieben von feststofflicher Idiotie trudelt das Berliner Polit-Narrenschiff durch die neoliberale Ölpest, immer volle Kraft voraus dem beschränkten Horizont entgegen. Die wächserne Fratze der waschweibischen Steuerfrau blickt regungslos auf die verwesenden Kadaver verendeter Seetiere. Lebendig ist sie lange nicht mehr; einzig der Moder reaktionärer Schimären scheint ihre Fleischklumpen noch am Platz zu halten. An ihrer Seite hockt ein pockennarbiger Hampelmann, ein eingebildeter Fatzke, der sich gern am Elend anderer labt und ein treuer Anbeter verstaubter Uralt-Götzen ist. Mit Hingabe ereifert er sich über jene, auf die er herabblickt, die er verachtet. Dann verliert er sich in Hetzreden bis ihm der Sabber aus dem Schandmaul fließt und alle ahnen, dass man einen wildgewordenen Pausenclown ans Steuerrad gelassen hat. Unter Deck, in einer barocken Lustkammer, suhlen sich gut situierte Emporkömmlinge in überbordendem Luxus und huldigen hündisch einem blechernen Götzen. Wie im Blutrausch schreien sie nach Sparsamkeit, damit sie und ihre aufgedunsenen Günstlinge das Schlaraffenland nie mehr verlassen müssen. Mit zittrigen Händen greifen sie nach den zerfetzen Hemden der Leute auf dem Ruderdeck, neiden ihnen jede noch so kleine Habseligkeit einfach nur deshalb, weil sie sie noch nicht besitzen. Und so trudelt das Narrenschiff durch die Dunkelheit seinem Untergang entgegen, verklappt hie und da gewaltige Portionen Sondermüll und ballert dabei aus rostigen Kanonen auf Unschuldige - um die Freiheit zu verteidigen, so die offizielle Lüge.
Deppendämmerung, erster Akt, zweiter Aufzug. Ein Bundespräsident spricht die Wahrheit über den Krieg am Hindukusch aus. Sicher versehentlich, weil er in einem Moment des munteren Drauflos-Plapperns die offizielle Sprach- bzw. Lügenregelung vergessen hatte. Der Krieg diene auch wirtschaftlichen Interessen, hieß es plötzlich aus dem Mund eines zahnlosen Staatsoberhaupts. Nichts Neues, denn schon im Weißbuch der Bundeswehr von 2006 findet sich verklausuliert die Rede vom imperialen Wirtschaftskrieg. Doch das Volk soll von alledem nichts mitkriegen, soll brav seine Jungs unterstützen und ansonsten glauben, man verteidige seine Freiheit durch das Abschlachten zentralasiatischer Turbanträger. Nachdem es von allen Seiten Kritik hagelte, gab der alte IWF-Haudegen Köhler klein bei und dankte ab. Weil er die Wahrheit gesagt hatte. Nun stehen ein blasser CDU-Reaktionär und ein ewiggestriger Kommunistenjäger zur Wahl, womit wir bei der beliebten Metapher mit den zwei Haufen angekommen wären...
Deppendämmerung, erster Akt, dritter Aufzug. Es muss gespart werden. Hauptsächlich deshalb, weil ein renditengeiles Wirtschafts- und Finanzsystem komplette Volkswirtschaften und parallel dazu sich selbst in die Binsen spekuliert hat. Kommen konnte es dazu, weil man im Wahn einer neoliberalen Heilslehre dereguliert hatte, was das Zeug hielt. Als das Kind in den Brunnen gefallen war, trieb eine panische Bundesregierung milliardenschwere Rettungspakete im Eiltempo durch den Bundestag, wo sie pseudodemokratisch abgenickt wurden. Schon damals war klar, wen Merkels Gruselkabinett die Suppe auslöffeln lassen will. Und wen sie weiterhin verhätscheln und liebevoll umkosen möchte. Feige wartete man noch eine wichtige Landtagswahl ab, dann ließ man den Zombie aus dem Sack: Die Hälfte des "größten Sparpakets der Nachkriegsgeschichte" sollen Arbeitslose und Sozialleistungsbezieher schultern - also jene, die a) besonders unter wirtschaftlicher Not zu leiden haben, b) am wenigsten für die Krise können und c) nicht einmal den Ansatz einer Lobby besitzen. Höhere Besteuerung höherer Einkommen? Fehlanzeige. Besteuerung von Vermögen? Kein Bedarf. Erbschaftssteuer? Muss nicht sein. Finanztransaktionssteuer und Regulierung der Finanzmärkte? Wieso, wenn man den nutzlosen Hartzis bequem die Taschen greifen kann. Und das Ende vom Lied? Alles geht weiter wie bisher. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Nur eben ein bisschen schneller. Dummdreiste Klientelpolitik, Vorsätzliche Umverteilung oder sozio-ökonomischer Terror eines totalitären Kapitalismus? Von allem ist was dabei.
Deppendämmerung, zweiter Akt, erster Aufzug. Ein Mädchen verzaubert Europa. Nachtigallengleich trällerte es Oslo ein Liedchen und wird zur Heldin einer gebeutelten Nation. Sogar für das Bundesverdienstkreuz wurde Lena Meyer-Landrut vorgeschlagen, bloß weil sie den European Song Contest gewann. Sie? Nicht ganz, denn eigentlich handelt es sich dabei um einen Komponistenwettbewerb. Sie war bloß Interpretin eines in den Kellern der Kulturindustrie kreierten Liedchens, das von einer gigantischen Medienmaschinerie durch′s Land geblasen wurde. Ihr einziger Verdienst war, dass sie diesem sozial bitterkalten und zutiefst ungerechten Land ein warmes, mädchenhaftes Antlitz verliehen hat. Zwar nur für einen kurzen Moment, aber immerhin. Und auch, wenn sie eigentlich nur für die Medienindustrie unterwegs war, nicht aber für Land oder Volk. Jetzt sind wir alle Lena, nachdem wir schon Papst sind, und können uns ein wenig mehr der Illusion hingeben, alles sei prima.
Deppendämmerung, zweiter Akt, zweiter Aufzug. Die Fähnchen flattern wieder im Wind. Besonders eifrig schmücken die Autler (Autofahrer) ihre Blechkisten, aber auch so mancher Balkon gleicht einem schwarz-rot-goldenen Wimpelmeer. Die WM steht vor der Tür und wird zum Vehikel für demonstrativen Nationalstolz. Zwar durch den Fußballbezug politisch entschärft, aber immerhin. Doch auch hier gilt: Wer sonst nichts hat, auf das er stolz sein kann, dem bleibt nur noch die Nation. Doch ob man sich damit wirklich einen Gefallen tut? Ist die bundesdeutsche Politik nicht schon seit Jahrzehnten so grausig, dass man am liebsten auswandern möchte? Alle Zelte abbrechen und verleugnen, dass man aus Deutschland kommt? Ist nicht gerade die aktuelle Umverteilung (s.o.) von Unten nach Oben derart ungerecht und das politische Personal so hochgradig dummdreist und verlogen, dass man sich seiner Sprache und seines Passes schämt? Bei allem Verständnis für pathologische Identitätsprobleme, aber eigentlich lässt sich nur dann guten Gewissens eine Nationalflagge hissen, wenn die Bundespolitik eine dramatische Kehrwende einschlägt. Und da die nicht in Sicht ist, sollten für′s gute Gewissen besser wieder die Roten Fahnen auf Balkons, Dächern und Blechkisten wehen.
Epilog. Mal wieder ein sehr politischer Musikbrief mit nur kleinem musikalischen Anteil. Aber es war notwendig. Außerdem soll Kultur auch das gesellschaftliche Geschehen reflektieren und sich einmischen - vor allem in Missstände. Und diese haben sich in jüngster Zeit gravierend verschärft. Es sei aber auch darauf hingewiesen, dass dieser Musikbrief nicht automatisch die Meinung der gesamten Band ausdrücken muss, sondern immer nur die des Autors. Und es sei zudem daran erinnert, dass Ihr die Musikbriefe auch im LSky-Blog kommentieren könnt!
Was den Mai angeht, so müssen wir zu unserer Schande gestehen, auch diesmal wieder viel zu wenig musiziert zu haben. Gründe waren vor allem Probenausfälle durch Arbeitsbelastung sowie Reisen einiger Bandmitglieder. Doch wir geloben Besserung und lassen demnächst wieder auch musikalisch von uns hören! Dann aber um so lauter! Versprochen.
Mit solidarischen und musikalischen Grüßen
Frank