Musikbrief Juli 2011


FS beim Verspeisen eines veganen Döners
(Vöner, Berlin-Friedrichshain, www.voener.de)

Moin Fans, Sympathisanten und Musikfreunde!


Endlich, der Sommer ist da. Es blüht der Raps, es summen die Wespen und es flattern mal wieder Deutschlandfähnchen. Denn es ist FIFA-Frauen-WM, und die findet zurzeit bei uns im Lande statt. Zum Glück ist diese neue Sportart noch nicht mit dem hysterischen Massenhype der Männerversion behaftet, was uns etwas weniger peinlichen Rummel, Public-Viewings und polizeiliche Überwachung beschert. Doch es geht bergauf! Und damit rollt zusätzlicher Rubel in die Kassen des millionenschweren Weltfußballklüngels und seines Wurmfortsatzes aus Politik und Wirtschaft. Da ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die nächste Bevölkerungsgruppe in den FIFA-WM-Zirkus geschickt wird, um noch mehr abzusahnen: FIFA-Ü30-WM, FIFA-Senioren-WM, FIFA-Abiturienten-WM, FIFA-Transen-WM etc.

Übrigens muss die FIFA nicht für die gigantischen Kosten geradestehen, die ihre Massenbelustigungen den Staat kosten. Wie selbstverständlich schickt man Hundertschaften von Polizei und verwandten Paramilitärs in die Innenstädte, um die Menschenmassen unter Kontrolle zu halten. Wie selbstverständlich werden auch Kastortransporte mit Batallionen von Beamten geschützt, wenn die Atomindustrie mal wieder ihren Strahlenmüll durch die Gegend zu karren gedenkt. Doch wehe, Lieschen Müller setzt mal ein falsches Häckchen auf ihrer Facebook-Seite und es kommen zweitausend Leute zu ihrer Geburtstagsparty... Ginge es nach Uwe Schünemann, seines Zeichens christkonservativer Innenminister im Maschmeyer-verseuchten Hannover, dann müsste die Kleine für einen Polizeieinsatz lebenslang Taschengeld berappen. Klar, Uwe, Lieschens Eltern laden dich ja auch nicht zu exklusiven Sekt- und Kaviarpartys ein, wie die richtigen Bosse...

Apropos Facebook: Wer ein Paradebeispiel für eine subtile Überwachungstechnik bestaunen möchte, muss sich nur ein bisschen in diesem Sozialnetzwerk umtun. Da gibt es Leute, die von ihrem Tagesablauf über ihre Stimmungen bis hin zu ihren intimen Gedanken alles kundtun, was sie bewegt. Andere hinterlassen ganz bewusst Bewegungsprofile, die sich via iPhone-App von anderen nachzeichnen lassen. Das mag ja ganz lustig sein, doch völlig freiwillig und ohne jede Not geben sie einem Industriekonzern alle nur erdenklichen persönlichen Daten in die Hände. Genauso freiwillig und notlos unterwerfen sie sich einer perfiden Form der Bespitzelung und Kontrolle, deren Effektivität und Perfektion im Fehlen jeglicher Repression begründet liegt. Willkommen im Totalitarismus der Konzerne!

Bevor ich zum musikalischen Teil komme, noch ein paar kurze Worte zu Merkels Atomaussstieg: Ein klares Zeichen panischer Angst der CDU vor den Grünen. Diese Angst musste angesichts Grüner Stimmengewinne derart hoch gewesen sein, dass es im Konrad-Adenauer-Haus förmlich nach Pisse roch. Sie war sogar so groß, dass die Konservativen einen ihrer elementaren programmatischen Eckpfeiler mir nichts, dir nichts über Bord geworfen haben. Das erinnert irgendwie an Luhmann, der Macht / Nicht-Macht als den binären Code des politischen Systems identifiziert hatte. Inhalte sind wurscht, Hauptsache man bleibt am Ball.

Soviel zum politischen Teil, blicken wir nun auf das musikalische Geschehen. Da wäre zum einen Roger Waters, der mal wieder und zum gefühlten zigmillionsten mal The Wall inszeniert. Sicher und ohne Zweifel ein Meilenstein der jüngeren Musikgeschichte - doch das war Ende der der 1970er. Mittlerweile haben wir all die Songs schon tausendfach gehört und die leicht plumpe Mauern-Metapher tausendfach über uns ergehen lassen. Viel lieber würden wir uns an Stelle des alten Plunders mal was Neues aus Herrn Waters` Feder wünschen. Aber in dieser Beziehung hat der Brite wohl keine Tinte mehr im Füller. Schade,

Ähnlich einfallslos ist Kate Bush auf ihrem neuen Album "Director′s Cut". Was soll man bitte von einer Künstlerin halten, die alle Jubeljahre mal eine CD veröffentlicht und dann nichts besseres zu tun weiß, als ihre alten Socken neu zu aufzukochen? Auch hier die händeringende Frage: Kann es für einen Berufsmusiker wirklich so schwierig sein, eine Handvoll neuer Songs im Jahr zu schreiben? Meine Fresse...

Dass wir uns nicht missverstehen, Waters und Bush gehören zu den wichtigsten und kreativsten Musikern unserer Zeit. Ärgerlich ist nur ihr schleichender künstlerischer Tod. Und um so schlimmer wird das penetrante Weiterexistieren all der anderen Ärgerlichkeiten. Doch hört man genau hin, tun die im Grunde auch nichts anderes. AC/DC mögen vielleicht jedes Jahr ein neues Album rausbringen, aber eigentlich spielen sie seit Anbeginn der Zeit nur Variationen eines einigen Songs. Innovationswert Null, künstlerischer Exitus.

Blicken wir abschließend noch in den Probenraum von Liquid Sky. Allzu viel Besuch hat er im Juni nicht von der Band bekommen, denn es ist Sommer- und damit Urlaubszeit. Aber auch aktive Musiker müssen sich schließlich mal ausruhen...

Mit solidarischen und musikalischen Grüßen

Frank