Musikbrief Juli


"Weiße Nächte in Lübeck": Dämmerung einen Tag nach Mittsommer, nachts um 23.30 Uhr vor dem Probenraum

Moin Fans, Sympathisanten und Musikfreunde!

Wer hätte je gedacht, dass mir der olle Michael Jackson mal behilflich sein könnte? Als ich am Ende eines kulturell eher ereignislosen Monats darüber grübelte, was ich denn in den nächsten Musikbrief tippen könnte, tat er es: er starb. Nicht, dass mich sein Ableben als solches freuen würde - obwohl ich seine Musik und das ganze Drumherum schon in den 80ern nicht besonders leiden mochte. Nein, es ist vielmehr der Medienrummel, der nun in Gang gesetzt wird und in ungezählten Nachrufen vor allem eines tut, nämlich die artifizielle Sing- und Springfigur über den grünen Klee zu loben. Allenorten ist die Rede von der historischen Bedeutung des Jackson'schen Werkes für die Musikkultur, von Meilensteinen der Popgeschichte und sonstigen Vergötterungen seines Schaffens. Doch Hand auf's Herz - selbst "Thriller", das meistverkaufte Album Welt, ist bei unvoreingenommenem Hinhören nicht viel mehr als durchschnittlicher Disco-Soul-Pop. Innovativ waren allenfalls die spitzen Schreie, mit denen Jackson seine Textzeilen garnierte - und, nicht zu vergessen, der Moonwalk, ein choreografisches Element seiner Liveshows. Er war der Vorreiter der tanzenden Sänger, oder besser, der singenden Tänzer, die heute zu Massen die Musikvideos bevölkern. Sein berühmter Griff in den Schritt avancierte zu einem der angesagtesten "Moves" der Tänzerwelt, war aber auch nichts weiter, als die US-amerikanisch prüde Version obszöner Gesten aus der harten Rockfraktion. Der immense Aufwand seiner Shows und z.T. ellenlangen Musikvideos stand zuweilen in antiproportionalem Verhältnis zum musikalischen Inhalt. Typisch für plastikhafte Kunstwelten im Erbe Disneys.

Die tragische Figur hinter alledem war ein zum Erfolg geprügelter Kinderstar, der bis zuletzt immer Kind bleiben wollte. Allerdings ein weißes, was ihm dank Hautbleichmitteln und plastischer Chirurgie ganz gut gelungen war. Später verkroch sich der plastikgewordene Popkönig auf seiner "Neverland"- Ranch; in Peter Pans Nimmerland, wo die Märchenfigur mit einer handvoll benachteiligter Kinder dem Erwachsenwerden trotzte. Jackson indes versuchte, mit der Zeit nicht nur seiner Mannwerdung, sondern auch der zunehmenden Bedeutungs- und Erfolglosigkeit seiner Musik zu trotzen. Seit dem mit dreijähriger Verzögerung veröffentlichten Album "Invincible" hörte man zumindest musikalisch nichts mehr vom "Künstler des Jahrtausends". Einem Träger dieses Titels sollte es eigentlich nicht schwer fallen, ein paar passable Lieder zu schreiben, arrangieren zu lassen und aufzunehmen. Das ist der Hauptteil des Jobs als Musiker, möchte man meinen. Zig Amateurbands tun das tagein tagaus - und vor allem ohne einen hochdotierten Produzenten- und Beraterstab im Hintergrund. Was hier also nicht stimmen kann, ist der von den Massenmedien an einen völlig überforderten und seelisch verkorksten Menschen gerichtete Superlativ, der alles mögliche konnte, nur nicht mehr dieser massenmedial auferlegten Bürde gerecht zu werden.

Was also kommt nun nach Herrn Jackson? Zuerst einmal heult sich Madonna angeblich Tag und Nacht die Augen aus dem Kopf. Vielleicht auch deshalb, weil sie feststellt, wie wenig Substanz hinter ihrer eigenen plastikhaften Show-Scheinwelt steht - einschließlich echter physischer Attraktivität. In den Schreibstuben des Boulevards hingegen ist man (ganz ähnlich wie ich...) hocherfreut über den kurzweiligen Stoff im drögen Sommerloch, während in den Kommerzsendern der niemals enden wollende Nachschub an neuen Superstars zurechtgecastet wird (würg). Und in Zukunft werden Herden von Fans an Jacksons Grab pilgern, um jener Kunstfigur zu huldigen, die sein verstörtes Ego und die Massenmedien aus dem Jüngsten der Jackson Five gemacht haben. Vielleicht sollte man ihm ein Mausoleum in Disneyland errichten, dann würde sein Lebensweg einen konsequenten Schlusspunkt erhalten. Jeden Mittag könnten dann Mickey Mouse und Donald Duck den Moonwalk zu "Billy Jean" tanzen, während sich Goofy gekonnt in den Schritt greift...

Uns führt sein Tod vor Augen, dass wir uns ranhalten müssen, schließlich war Jacko mit 50 Jahren nicht nennenswert viel älter, als die Mitglieder von Liquid Sky. Ganz in diesem Sinne war der Juni von reger Aktivität gekennzeichnet. Wir haben nicht nur ein paar neue Songs geprobt, sondern auch eine gewisse Neigung zu handfesten Psychedelic- und Krautrockelementen entwickelt. Ganz im Gegensatz dazu ist auch ein Nu-Metal-artiger Song mit Quasi-Rap-Gesang in der Mache, der unser Repertoire wieder ein Stück vielseitiger und interessanter machen wird. Wir arbeiten also hart - und das nicht nur deshalb, weil das Proben im aufgeheizten Probenraum zurzeit eine schweißtreibende Angelegenheit ist. Viel Spaß gemacht hat uns auch unsere kleine Unplugged-Session, die wir zur Feier meines Geburtstages im schwiegerelterlichen Schrebergarten veranstaltet haben - selbst wenn das ein oder andere Lied getränkebedingt uminterpretiert wurde. Diese Facette unserer Arbeit ist auf jeden Fall ausbaufähig. In diesem Monat werden wir uns eingehend mit der Produktion brauchbarer Demoaufnahmen beschäftigen - auch, damit wir mal die Rubrik "Sounds" ein wenig auffüllen können. Zusätzlich halten wir verstärkt Ausschau nach Auftrittsmöglichkeiten, denn unser letzter Gig liegt schon wieder gefühlte Jahrzehnte zurück.

Ansonsten trotzen wir hartnäckig der allgegenwärtigen Wirtschaftskrise und schreiben fleißig am Soundtrack für den überfälligen Wechsel! Ganz in diesem Sinne wünschen wir Euch, dass Ihr von den Konsequenzen der Rezession verschont bleiben möget. Und mit Blick auf den Popking, dass Ihr gesund, munter und von den Folgen des Alterns verschont bleibt - und so auch immer schön unseren hoffentlich bald zahlreichen Auftritten beiwohnen könnt!

Bis dahin! Solidarische und musikalische Grüße,

Frank