Musikbrief Dezember 2011


Gut für′s Hirn: ejn Glaserl Weijn

Moin Fans, Sympathisanten und Musikfreunde!

Musikbrief Dezember

Es geht zu Ende. Keine Frage. Unwiderruflich und unwiederbringlich. Nichts wird je sein, wie es mal war. Und was kommt, dürfte mit Elend und Verderben nur unzureichend zu umschreiben sein. Ganz so, wie es unser Song Over besingt: "What tomorrow brings / Is sad and evil / So the blackbird sings / I‘ll have to go down". Die Apokalypse als lauer Euphemismus.

Winterdepressionen? Mitnichten. Nur ein versehentliches Verzappen an einem kühlen Samstagabend. Und zwar auf Deuschlands Flaggschiff der TV-Unterhaltung Wetten Dass. Ich lungere auf meiner Couch herum, in meiner Hand ein Glas Rotwein. Ein feudales Äthanolfeuerchen lodert im kleinen Wandkamin, alles ist auf Gemütlichkeit gedimmt. Vor mir auf dem Bildschirm tanzen ein paar verschwommene Punkte. Müde fokussiere ich sie, werde wacher und wacher. Aus den Punkten werden Gesichter und aus Gesichtern werden Fratzen. Fratzen der Créme deutscher TV-Protagonisten, alles Aushängeschilder unserer industriellen Massenkultur. Und in ihrer Mitte ihr Epizentrum: Thomas Gottschalk.

Und er sabbelt, was das Zeug hält. „Mal ehrlich, ich habe den tollsten Job der Welt“ blubbert er in den Saal und löst damit ein Déja Vù in mir aus. Mental reise ich zurück in die frühen 1990er Jahre, als ich mich das letzte Mal den massenmedialen Lemmingen anschloss und eines Samstagabends "Wetten Dass" goutierte. Bewusst und von Anfang bis obligatorischem Überziehungsende, versteht sich. Schon damals laberte Gottschalk das exakt gleiche Zeug über seinen angeblich tollsten Job der Welt. Und auch schon damals versammelten sich die gleichen abgenudelten Fernsehfressen um ihn. Leute wie der dauerpubertäre Humorsimulant Otto Waalkes, der selbstachtungslose Fettklops Dirk Bach oder der dröge Ruhrpott-Pseudoclown Hape Kerkeling. Die ganze unterhaltungsindustrielle Mischpoke eben, das Who is Who der Volksverdummung.

Seit damals habe ich mir den Mist nicht mehr angesehen. Den ganzen verlogenen Unterhaltungsscheiß, der die Leute am Wochenende nur davon abhalten soll, mal in Ruhe über ihre Lebensbedingungen nachzudenken. Etwa darüber, wie sehr sie in ihren unterbezahlten Jobs von renditegierigen Unternehmen ausgebeutet werden. Oder wie schamlos ihre korrupte Regierung demokratische Standards zurückfährt, um per neoliberaler Reformen eine gigantische Umverteilung von Unten nach Oben durchzuführen. Da fällt mir ein, war nicht auch mal Auto- und Konzernkanzler Schröder Gast bei Wetten Dass?

Und ausgerechnet dann, wenn ich mal versehentlich hinzappe, will er aufhören, der olle Gottschalk. Gemästet von gigantischen Gagen und Werbehonoraren, angeödet vom Spießertum seiner deutschen Zuschauer und Fans, wird er sich wieder nach Kalifornien in sein cooles Ami-Leben stürzen. Mir kann′s egal sein, denn leiden konnte ich ihn noch nie. Auch nicht als pubertierender Jugendlicher in den 1980ern, als Gottschalk gemeinsam mit dem peinlichen Quasi-Entertainer Mike Krüger in dümmlichen Filmen wie "Die Supernasen" herumdilettierte.

Nun traut sich keiner ausgerechnet sein Nachfolger zu werden. Alle pissen sich in die Hosen vor der TV-Institution Wetten Dass und ihrem ewig überschätzten Zeremonienmeister. Nicht dass ich jemals vorhätte, mir diese Sendung anzutun. Und auch nicht, dass es irgendwie schade darum wäre. Doch was ist mit Frau Müller aus dem Erdgeschoss, mit Katrin von der Kasse, mit Hans-Jürgen vom Dackelverein oder Oma Liesbeth? Was bleibt all diesen braven und orientierungslosen Deutschen dann noch am Samstagabend? Womit sollen sie ihre unproduktive freie Zeit denn bitteschön verbringen? Die TV-Konkurrenz bietet doch nur Andy Borgs debilen Idiotentenstadl, Bohlens Dummencasting oder Mario Barths Steinzeitgesabbere. Und auf wen soll sich Pfarrer Lohmann von St. Bonifatius einen schütteln, wenn Michele Huntzinger nicht mehr da ist? Ausbaden - oder besser: auslutschen - dürften es wohl seine Ministranten.

Und was ist mit all den armen Industrie-Interpreten? Wo sollen Shakira, Justin Bieber oder Sarah Connor künftig ihr zweistelliges Millionenpublikum bespaßen können? Wo sonst ließ sich ihr Müll mit einem Schlag in so viele Köpfe pumpen, wie in Wetten Dass? Nirgendwo sonst ließ sich das Diktat der Massenkultur besser durchsetzen, als in Gottschalks Supershow. Hier wurde dem Volk gesagt, was "In" ist, was es bedenkenlos konsumieren darf und soll. Damit auch bloß keiner auf die Idee kommt, sich mal kritische Töne anzuhören.

Wetten Dass gilt stellvertretend für fast alle populären Unterhaltungsformate der Kulturindustrie als Idealtypus der massenmedialen Systemstabilisierung. Hier kombinieren sich politische Botschaften, soziale Verhaltensappelle und kulturelle Normvorschriften zu einer Orientierungsmatrix für das produktionsgerecht funktionierende Volksmitglied. Kostenlos und frei Haus am Samstagabend - und wegen des Unterhaltungscharakters nicht einmal als Bevormundung verstanden. Perfekter kann Propaganda nicht sein.

Kommen wir abschließend noch zu unserem eigenen musikalischen Treiben, das uns leider noch nicht auf die großen Showbühnen der Unterhaltungsindustrie gespült hat. In diesem Jahr nicht einmal auf die käsigen Kneipenbühnen der Lübecker Clubs, was durchaus ein wenig ärgerlich ist. Aber die Zeit war wohl noch nicht reif - doch wir arbeiten hart daran. Der November war zum einen gekennzeichnet von einer lästigen Virusinfektion, die selbst mich noch bis in die Mitte hinein arg beeinträchtigt hat. Zum anderen ist Euch sicher aufgefallen, dass auf zweien unserer aktuellen Probenmitschnitte nicht Joachim, sondern Andy hinter der Schießbude saß. Wie es das Schicksal wollte, hatte Jo an den betreffenden Terminen keine Zeit, und Andy sprang spontan für ihn ein. Dafür möchten wir ihm herzlich danken. Und vielleicht werden wir in Zukunft noch etwas mehr von ihm hören, denn er spielt übrigens auch Gitarre...

Nun ist es Dezember. Zeit für Weihnachtsmärkte, Rum mit einem Schuss Glühwein und allerlei heimeliger Stimmung. Die Jahresendfeier - so nenne ich als Atheist das christliche Weihnachtsfest - naht mit großen Schritten, während das Jahr 2011 zu Ende geht. Wie immer will Euch der Einzelhandel jeden zusätzlichen Euro aus den Taschen ziehen und öffnet sogar länger, damit Ihr noch mehr Gelegenheiten habt, die Gewinne der Konzerne zu steigern. Mein Rat: Zeigt den Ärschen den langen Finger und lasst Euch nicht rumkriegen. Konsumiert nicht mehr, als unbedingt nötig und lasst Euch nicht von einem aufoktroyierten Geschenkezwang befallen. Haltet besser inne und kontempliert über Euer Leben und Eure politischen und sozialen Lebensumstände. Vielleicht lest Ihr noch ein paar der alten Musikbriefe und genießt dazu eine gute Flasche Rotwein.

Wie auch immer Ihr das Jahr ausklingen lasst, wir wünschen Euch schöne, intensive und im positiven Sinne nachdenkliche Feiertage. Wir sehen und hören uns auf jeden Fall wieder im nächsten Jahr 2012!

Mit solidarischen, musikalischen und jahresendzeitlichen Grüßen

Frank