Musikbrief August


Ob auch Ronny in Mazar-e-Sharif singen will?

Moin Fans, Sympathisanten und Musikfreunde!

Militarismus ist en vogue. Während eine kriegslüsterne Politik Deutschlands Freiheit schon am Hindukusch verteidigen lässt und den Ernstfall gerne als Dauerzustand innerhalb der Bundesgrenzen begrüssen würde, hüllen sich zunehmend auch Vertreter der Kulturindustrie in olivgrüne Camouflage. Unter dem Vorwand, die Moral "unserer Jungs" stärken zu wollen, begeben sich immer mehr pseudomutige Künstler auf die Schlachtfelder um dem Krieg ein Ständchen zu singen.

Doch leicht haben es die scharfschießenden Bürger im Kampfanzug trotz bester Besoldung beileibe nicht. An ihren Einsatzorten sind sie nur wenig beliebt, weil man ihre Arbeit vor lauter ziviler Kollateralschäden einfach nicht richtig zu würdigen weiß. Aber auch zu Hause fehlt die Rückendeckung. Die nichtuniformierte Mehrheit der Staatsbürger kann nur wenig Sinn in den fernen Kampfeinsätzen einer Armee ausmachen, die eigentlich nur zur reinen Verteidigung im Angriffsfalle gedacht ist. Dass sich diese unter der Ägide einer rot-grünen Bundesregierung und am Gängelband der USA in einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg hat zerren lassen, kann hierzulande nur von einer verbohrten Minderheit nachvollzogen werden. Da tut Propaganda um so mehr Not, wenn sich der Ertrag der verballerten Steuermilliarden hauptsächlich an der steigenden Anzahl gefüllter Zinksärge ablesen lässt, die an Deutschlands Militärflughäfen eingeflogen werden. Propaganda, an der sich auch die Kulturindustrie und ihre ausgewählt flachgeistigen Interpreten gerne beteiligen.

Die Beweggründe für das neu entdeckte politische Engagement der ansonsten eher friedliebenden und sensiblen Künstlerzunft indes sind von unterschiedlicher Natur. Erinnern wir uns an 9/11, als der amerikanische Traum vom amerikanischen Trauma abgelöst wurde und die regierenden Christen im Weißen Haus einmal mehr ihre Ballertrupps in die Horte der Ungläubigen schickten um blutige Rache zu nehmen. Selbst Althipppie Neil Young ließ sich im Taumel der Emotionen zu einer wuchtigen Vergeltungshymne ("Let’s Roll") hinreißen und verwandelte sich so in eine Galionsfigur für George W. Bush’s Kreuzzug gegen die "Achse des Bösen". Ein paar Jahre später dämmerte dem onkelhaften Kanadier langsam, wie sehr der Regierungschef seines Gastlandes die Terroranschläge dazu missbraucht hatte, um völkerrechtswidrige Angriffskriege vom Zaun zu brechen und Freiheitsrechte in nie gekanntem Ausmaß in die Tonne zu klopfen. Mit "Living with war" ruderte er eher hilflos als überzeugend zurück - und die miserable musikalische Qualität des Albums lässt erahnen, wie schlecht es um Youngs Seelenheil bestellt war. Trotzdem, sein Image hat gelitten, und zwar nachhaltig.

Ganz anders sieht es bei dem Mann mit der langen Zunge aus, der in der Glamrockcombo KISS seit Alters her den Bass zupft. Die Rede ist von Gene Simmons, der das maskierte Rocktheater angeblich nur aus nüchternem Geschäftskalül heraus entwickelt haben soll. Ein paar passable Liederchen sind dabei durchaus abgefallen, allerdings kann man sie heutzutage leider nicht mehr goutieren, weil Simmons mit Haut, Zunge und Haar dem hurrapatriotischen Kriegswahn verfallen ist. Wer ihm dabei zusieht, wie er in dümmlichster Manier die Soldaten bespaßt (siehe unten), kann im Grunde nichts mehr von Simmons wissen wollen. Da kann er noch so viel Blut spucken und mit der Zunge wackeln - der Kerl ist nichts weiter, als ein armseliger Witz. Wenigstens erweist er damit seinem bürgerlichen Namen eine kleine Ehre: Chaim Witz.

Allerdings kann auch das dumpfsinnige Herumgeplärrre eines durchgeknallten Bassisten nicht über das gerüttelte Maß an Berechnung hinwegtäuschen, dass sich hinter der stupiden Parolendrescherei verbirgt. Schließlich geht es den Mächtigen in Politik und Wirtschaft darum, die immer größer werdende Schar an Verlierern kontrolliert hinter sich zu versammeln. Und was bleibt bekanntlich dem, der nichts mehr hat, worauf er sein Ego stützen könnte? Richtig, seine Nation! Und wer so ohnmächtig und ängstlich ist, dass er nicht mehr anders kann, als seine eigene Pseudopersönlichkeit aus dem kriegerischen Gehabe seiner Regierung abzuleiten, wird als guter Patriot niemals kritische Fragen stellen. Der Mechanismus ist so banal wie genial: Man kanalisiert den Frust der Sozialverlierer per Hurrapatriotismus auf äußere Feinde wie Kommunisten, Turbanträger oder sonstige Heiden, stellt sie damit in den Dienst der eigenen Ziele und zieht sich selbst elegant aus der Schusslinie. Kaum auszudenken, wenn die Leute merken würden, wer da wirklich für ihre Lage verantwortlich ist...

Seit dem der Krieg auch im politischen Deutschland wieder in Mode gekommen ist, will die Bundeswehr eine Freiheit an den entferntesten Ecken der Erde verteidigen, die heimische Politiker zur gleichen Zeit per Gesetz schneller demontieren, als es eine Horde Taliban jemals könnte. Aber nicht nur deshalb muss die Moral der Truppen gründlich gepflegt werden. Denn trotz aller Verwundeten und Getöteten auf beiden Seiten der Front weigern sich die Verantwortlichen beharrlich, das Kind beim Namen zu nennen. Da hilft kein Verniedlichen und Schönreden - Krieg ist nunmal Krieg, und nix anderes.

Doch die moralische Unterstützung der deutschen Künstlerzunft ist bereits im Anmarsch. Den Auftakt machte Möchtegern-Arnold und -schauspieler Ralf Möller aus Recklinghausen. Eine Woche lang ließ er vor den Soldaten in Afghanistan die eingeölten Muskeln spielen und spendete zudem noch ein paar Fitnessgeräte, damit die Jungs den Islamisten besser auf die Ömme hauen können. Wie auf einem Abenteuerspielplatz nahm er sabbernd an Patrouillen, Hubschrauberflügen und Schießübungen teil, um danach Sätze abzusondern wie "Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Dafür arbeitet ihr jeden Tag!" Damit nicht genug, der Muskelmann war von der Kriegsromantik so sehr angetan, dass er in Erwägung zog, sich als Reservist auch am Rumballern zu beteiligen. Ganz klar, dass Muskelmöller auch ein großer Fan von Angela Merkel, Franz Josef Jung und all den anderen konservativen Kriegsfreunden ist. Hier hat jemand ganz offensichtlich seine Birne in Bizeps verwandelt.

Weniger muskulös und auch nicht ganz so plump hat sich Peter Maffay gegeben, als er 2005 die deutschen Soldaten in Afghanistan live mit seinen Rockschlagern beunglückte. Ob er dabei seinen aufblasbaren Tabaluga-Drachen aufsteigen ließ, wissen wir nicht. Und auch nicht, ob ihn verstreute Taliban-Späher für die Inkarnation eines heidnischen Höllenpropheten gehalten haben könnten. Maffay jedenfalls hält viel von den Leistungen der NATO-"Schutztruppe" ISAF und ist allen Ernstes der Meinung, sie brächte Frieden und Freiheit in das gebeutelte Land. Da können noch so viele Zivilisten über den Haufen geschossen, eine korrupte Fernlenk-Regierung gestützt oder einstmals selbstbestimmte Gebiete besetzt werden - Hauptsache, wir singen für den Krieg!

Mit Sarah Connor möchte sich dieser Tage noch eine weitere Ikone der deutschen Industriesülze in die Galerie der Kriegsbarden einreihen. Bekannt wurde die Trällerliese aus Delmenhorst in erster Linie durch die würdelose Verschacherung ihres Techtelmechtels mit Mark - Namen vergessen... - ans Privatfernsehen. Nach ihrer öffentlichen Eheschließung wunderte sich ganz Fernseh-Deutschland, weshalb sie nicht auch die Exklusivrechte an der Live-Übertragung ihrer Hochzeitsnacht an Beate-Uhse-TV verhökert hatte. Versucht hatte sie es bestimmt, nur war das selbst dem schlüpfrigen Schmuddelsender zu glibberig. In zweiter Linie wurde Frau Connor durch flachen Dorfdisco-Schlagerpop bekannt, den eigentlich kein Mensch hören würde, gäbe es da nicht die beliebte Volksdroge Alkohol. Oder eben die Massenmusikindustrie, die manchen Leuten selbst den eignenen Sprühstuhl als perlenden Champagner verkaufen könnte. Wie dem auch sei, Frau Connor möchte nun auch nach Mazar-e-Sharif reisen und den Jungs von der Bundeswehr was Gutes tun. Ob selbst denen das Geplärre der Poptante gefällt, steht in den Sternen; nicht aber, ob die Dame ihr verstaubtes Image wieder aufpolieren kann - dem Krieg sei Dank!

Zarah Leander, die in der NS-Zeit aktive Urmutter aller Kriegssängerinnen, bezeichnete sich angesichts einer späteren Einsicht mal als "politische Idiotin". Ihre Nachfolger mögen sich das in die weichen Hirne schreiben: Kriege sind menschenfeindlich und zivilisatorische Rückschritte. Sie sind weder gerecht noch human, sondern grausam und schmerzvoll. Singen für den Krieg bedeutet, sinnloses Sterben und Gewalt schamlos auszunutzen oder politisch zu legitimieren, bestenfalls aber zu verharmlosen. Jeder Auftritt vor den Truppen ist ein politisches Statement für den Krieg - und für die dahinter stehenden Interessen und Machtkonstellationen. Nicht mehr und nicht weniger.

Nach all diesen ernsten Worten kann ich Euch versichern, dass wir vorerst nicht vorhaben, unseren nächsten Gig in Kabul abzufeiern. Das Zeug dazu hätten wir zweifelsohne, nicht jedoch die Kohle für die Tickets. Die Bundeswehrführung freut sich zwar angeblich über jede Kriegssirene, dürfte aber unsere Bewerbung weniger wohlwollend in Betracht ziehen. Da auch die Taliban kaum Gefallen an unserer gotteslästernden Kunst finden werden, spielen wir eben an der "Heimatfront", wie unsere lokale Wohngegend im neo-militaristischen Jargon bald wieder genannt werden dürfte.

Hierzu müssen wir allerdings noch ein klein wenig im Proberaum nachschwitzen, da im Juli Scharlach & Co. um sich geschlagen und die operative Personalstärke der Band um die Hälfte reduziert haben. Dennoch klang der Monat sportlich und mit Reiselust aus, und zwar in Form einer Radreise von Dirk und mir ins benachbarte Mecklenburg. Dieses beginnt zwar nur wenige Schritte hinter unserem Proberaum, erstreckt sich aber über schier endlos hügelige Weiten gen Osten. Dirk gilt deshalb ein besonderes Lob, denn er hat die knapp 340 Kilometer lange Runde Lübeck - Flessenow (Schweriner See) - Zierow (Wismar) - Raben Steinfeld (Schwerin) - Lübeck mit einem Damen-City-Fahrrad absolviert. Er saß also nicht auf einem High-Tech-Reisebike, sondern musste sich auf einem nicht unbedingt geeigneten Gefährt so manche Meile hart erkämpfen. Trotzdem gingen ihm niemals Mut und Humor verloren, so dass ich nur sagen kann: Hut ab!

So geht es nun frisch gestärkt in den August, von dem wir hoffen, dass er uns noch viele sommerliche Tage und kosmische Inspirationen bescheren möge. In diesem Sinne wünschen wir auch Euch noch einen schönen, warmen und vor allem friedlichen Hochsommer!

Bis demnäxst! Solidarische und musikalische Grüße,

Frank



Unten: Chaim Witz alias Gene Simmons schießt sich endgütig ins Aus